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Günter Grass (geb. I927): Prophetenkost - Die Mitwisser



Günter Grass erhielt 1999 den Nobelpreis für Literatur vor allem seines erzählerischen Werks, zumal des Romans Die Blechtrommelwegen. Und tatsächlich hat sich in der Wirkungsgeschichte, zu seinem Bedauern, das lyrische Werk nie recht aus dem Schatten seines epischen Werks befreien können. Während das schöpferische Interesse am Theater mit dem Stück Davor offenbar versiegte, ist aber der lyrische Antrieb nie erloschen.
      Wie nur wenige Autoren der Nachkriegsliteratur hat sich Grass in den politischen Tages-, also auch in den Parteienstreit eingelassen. Das Gedicht Prophetenkost, erschienen in seinem ersten Band, Die Vorzüge der Windhühner , wendet sich einem Vorgang politischer Geschichte zu, den die gleichnishafte lyrische Einkleidung als einen jederzeit wieder möglichen, als einen exemplarischen Vorgang durchsichtig macht.
      Prophetenkost
Als Heuschrecken unsere Stadt besetzten,keine Milch mehr ins Haus kam, die Zeitung erstickte,
öffnete man die Kerker, gab die Propheten frei.
      Nun zogen sie durch die Straßen, 3800 Propheten.
      Ungestraft durften sie reden, sich reichlich nährenvon jenem springenden, grauen Belag,den wir die Plage nannten.
      Wer hätte es anders erwartet.
Bald kam uns wieder die Milch, die Zeitung atmete auf, Propheten füllten die Kerker.
      Die Heuschrecken sind eine der Plagen, mit denen der Gott der Bibel das Land am Nil schlug, damit Pharao das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft entlasse. Außer der Grundkonstellation - Heuschreckenplage und Gefangenschaft/Kerker - übernimmt Gras von der biblischen Geschichte nichts, doch umgibt immerhin die »3 Propheten« noch eine biblische Aura. Milchlieferung ins Haus und Zeitung zeigen die moderne Zeit an, wobei im Sinne des Pars pro toto Milch für die Nahrung schlechthin steht, Zeitung für das alle verbindende öffentliche Wort. Heuschreckenschwärme, die sowohl den Nahrungsnotstand verursachen wie die »Zeitung« »ersticken«, sind freilich Werkzeuge nicht nur einer physischen, sondern auch einer geistigen Gewalt. Mit Kerkerhaft werden »Propheten« bestraft, die offen-sichtlich oppositionelle, den Regierenden unerwünschte Ideen verkündet haben.
      Im Augenblick der Gefahr bedarf man ihrer als Nothelfer. Ihre Mithilfe bei der Vernichtung der Plage nährt sie. Doch sobald sich die Situation gewendet hat, raubt man ihnen wieder die Freiheit des Worts und der Bewegung. »Wer hätte es anders erwartet« - diese Zeile, als Einzelvers deutlich abgesetzt, markiert den Ausgang als die Bestätigung geschichtlicher Erfahrungen, als vorhersehbaren Wiederholungsfall.
      Man darf das »Propheten«-Bild als Metapher für die Intellektuellen nehmen. Vor allem die Geschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts zeigte, mit welchem Zynismus sich die Machthaber der Intellektuellen als Helfershelfer und Aushängeschilder bedienten, sie belohnten und erhoben und die Unliebsamen wieder fallen ließen. Hierher gehört auch der Wechsel der sogenannten »Tauwetter-Perioden und der Wiedervereisung im Zeichen des Dogmas. Und der Kalte Krieg bot neue Gelegenheiten, die Gefahr einer »Heuschrecken«-Invasion zu beschwören.
      Das gleichnishafte Sprechen und die Annäherung an die lyrische Parabel bringen das Gedicht in ein künstlerisches Dilemma. Es muss für seine Anwendbarkeit auf verschiedene historische Fälle den Preis einer Undifferenziertheit zahlen. Grass entzieht sich dem Dilemma mit einem Kunstgriff. Er hebt die lehrhafte Distanz gleichnishafter Rede auf. Es sprechen mit dem lyrischen »Wir« die Stadtbewohner selbst. Die Verantwortung für die Verhältnisse einer Tyrannei, die ihre Zügel lockert und wieder anzieht, ganz wie der Wind weht, wird nicht ins Anonyme abgeschoben. Das »Wir« erklärt sich zum Mitwisser und dadurch auch zum Mitschuldigen. So stellt sich dieses Gedicht aus den fünfziger Jahren auf eine sublime Weise jener Frage der Mitschuld am Unrechtsregime, die nach 1945 unabweisbar geworden war.
     

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