Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Erneuerungs- und Warngedicht
» Günter Eich (I907-I972): Inventur - Minimalgepäck

Günter Eich (I907-I972): Inventur - Minimalgepäck



Inventur
Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen.
      Konservenbüchse: Mein Teller, mein Becher, ich hab in das Weißblech den Namen geritzt.
      Geritzt hier mit diesem kostbaren Nagel, den vor begehrlichen Augen ich berge.
      Im Brotbeutel sind ein Paar wollene Socken und einiges, was ich niemand verrate,so dient es als Kissen nachts meinem Kopf. Die Pappe hier liegt zwischen mir und der Erde.
      Die Bleistiftmine lieb ich am meisten: Tags schreibt sie mir Verse, die nachts ich erdacht.
      Dies ist mein Notizbuch, dies meine Zeltbahn, dies ist mein Handtuch, dies ist mein Zwirn.

     
Das Gedicht hält eine Erfahrungssituation vieler in der Spät- und Nachkriegszeit, der Lagerzeit fest: das Zurückgeworfensein auf ein Existenzminimum. Wodurch erhält dieser Text eine ästhetische Form, die das Erfahrungsmoment erst literarisch bedeutsam macht?
Der schon im ersten Vers eindeutige Gestus des Zeigens wird in allen sieben Strophen durchgehalten. Das demonstrative »Dies ist«, variiert in »hier«, wiederholt sich in der Anfangs- und Schlussstrophe und bildet so eine Klammer, die auch die Satzaussagen der Binnenstrophen determiniert. Der Titel »Inventur« kündigt >nur< eine Bestandsaufnahme an, aber die zugrunde liegende Situation wird erschließbar, zumal wenn man weiß, dass Eich die Jahre 1945 und 1946 in amerikanischer Gefangenschaft verbrachte. Der Text ist ein »Lager«-Gedicht; die Habseligkeiten werden gemustert und vorgezeigt, vielleicht einem — fiktiven — Lagergefährten. Die Information beschränkt sich auf die Sachbezeichnung und, wo nötig, auf eine knappe Erläuterung: Mit der Bleistiftmine werden Verse geschrieben; der Zeigende gibt sich als Dichter zu erkennen. Nicht alles wird offen gesagt; ein sehr privates Geheimnis bleibt ungelüftet.
      Die Aufzählung der vierzehn Gegenstände registriert ein Minimalgepäck, das jederzeit aufgenommen und weitergetragen werden kann; die trockene Sprache veranschaulicht die Kargheit des Besitzes. Der Verzicht auf den Reim scheint der Sachlage angemessen; klangreiche Wortmusik würde hier als Element der Harmonisierung, ja Beschönigung empfunden werden. Doch dienen rhetorische Figuren als Bindeglieder und stellen im Text Korrespondenzen her, die das Gefüge des Gedichts festigen: Wiederholungen, Parallelismen, anaphorische Reihen . Alliterationen lassen andeutungsweise Verspaare entstehen: Mütze / Mantel, Kissen / Kopf, -mine / am meisten. Die Strophengliederung bleibt erhalten, aber nirgendwo drängt sich ein Schema auf. Enjambements durchbrechen die Zeilenschranken .
      Nüchternheit des Zeigens und Sprechens bringt einen Text grundsätzlich in die Nähe der Prosa. Gerade hier nun beweist sich die lyrische Kunst Günter Eichs. Die anaphorische Reihe der ersten Strophe gibt zwar einen Takt vor, der in der Schlussstrophe noch einmal aufgenommen wird und so im Gedicht ein Widerlager schafft, doch in den Binnenstrophen lockert sich das vorgegebene Taktschema so sehr, dass man es vergisst. Die Auflösung des Musters zugunsten metrischer Freiheit und wechselnder, die Strophen frei füllender Satzbögen oder Satzstrukturen bringt eine rhythmische Lebendigkeit hervor, die das Gedicht von aller leiernden Starrheit, aber auch von der Ungebundenheit der Prosasprache fernhält.
      So ist es Eich gelungen, dem Poetischen den Süßstoff der Ästhetisierung zu entziehen und das Prosaische jenseits der Prosa anzusiedeln.
     

 Tags:
Günter  Eich  (I907-I972):  Inventur  -  Minimalgepäck    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com