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Elisabeth Langgässer (I899-I950): Frühling I946 - Heimkehr ins Leben



Wie nur wenige Schriftsteller und Autorinnen hatte Elisabeth Langgässer die Widersprüche und Absurditäten einer Epoche auszuhalten. Tochter eines katholisch getauften Kreisbaurats jüdischer Herkunft, fiel sie im »Dritten Reich« als sogenannte »HalbJüdin« unter die Nürnberger Rassegesetze und erhielt Schreibverbot. Aus ihrer Ehe mit dem Heidegger-Schüler Hoffmann gingen drei Töchter hervor, aber ihr erstgeborenes, uneheliches Kind Cordelia, Tochter des jüdischen Staatsrechtlers Heller, wurde 1944, nach einem schurkischen Ränkespiel der Gestapo, ins Lager Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Erst im Januar 1946 erfuhr Elisabeth Langgässer, dass Cordelia überlebt hatte und in ein schwedisches Sanatorium gerettet worden war. So ist das Frühjahr 1946, selbst in derTrümmerstadt Berlin, für die Dichterin wahrhaft ein Frühling nach langer winterlicher Lebenszeit.

      Frühling 1

  
   Holde Anemone,bist du wieder daund erscheinst mit heller Kronemir Geschundenem zum Lohnewie Nausikaa?

Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzückennahm dem staubgebeugten Rückenendlich sein Gewicht?
Aus dem Reich der Kröte steige ich empor, unterm Lid noch Plutons Röte und des Totenführers Flöte gräßlich noch im Ohr.

     
Sah in Gorgos Auge eisenharten Glanz, ausgesprühte Lügenlauge hört' ich flüstern, daß sie tauge mich zu töten ganz.
      Anemone! Küssen laß mich dein Gesicht: Ungespiegelt von den Flüssen Styx und Lethe, ohne Wissen um das Nein und Nicht.
      Ohne zu verführen, lebst und bist du da, still mein Herz zu rühren, ohne es zu schüren - Kind Nausikaa!
Die Anemone gehört zu den ersten Blumen, mit denen der Frühling einzieht. Eine Seelen-Irrfahrt hat die Dichterin hinter sich und so kann ihr die Anemone wohl sein, was dem gestrandeten Odysseus die hilfteiche Nausikaa war: die Freundliche und Holde. Die fast schwerelose Bewegung der Anemone im Wind ist Gleichnis für die Befreiung von einer schweren Seelenlast.
      Neben dem christlichen Mysterium werden in Elisabeth Langgässers Werk antike Mythen zur wichtigen Bildquelle. Auch in Frühling 1946 deutet und veranschaulicht die Dichterin ihr Dasein mit Hilfe mythischer Figuren. Wie der Unterwelt entstiegen fühlt sie sich. Die Bilderwelt des Hades, Plutons und des Totenführers, ist nicht hergeholt; 1942 erlitt Elisabeth Langgässer den zweiten Schub einer multiplen Sklerose, die ihren verhältnismäßig frühen Tod herbeiführen sollte. Sie trieb in eine seelisch-körperliche Krise, in der Charons Ruf und der Anblick der grauenvollen Gorgo Umschreibungen einer Drohung waren, die tatsächlich über ihr hing.
      Nun aber sind die Schattenbilder, sind der >Burggraben< der Unterwelt und der Quell ewigen Vergessens ins Unwirkliche versunken. Kein Nein zum Leben hat jetzt noch über die Dichterin Macht, freilich auch kein Überschwang. Die Anemone und Nausikaa, Boten des Neuanfangs, Bürgen der Gastfreundschaft, werden zu Wegzeichen einer besonnenen Heimkehr ins Leben.
      Was trägt die lyrische Gestalt zur Daseinsdeutung bei? Gewiss gibt der Rückgriff auf die Mythologie der ästhetischen Form Halt, doch haben ein größeres Gewicht noch die Strophenform und der durch sie entstehende Rhythmus. Der durchgehende Trochäus, der Beginn aller Verse mit einer Hebung, das sofortige Sprechen mit vollem Einsatz unterstützt hier den Ausdruck einer lebensbejahenden Haltung. Der Aufbau der Strophen prägt den Rhythmus: Zwei dreihebigenund in ihrer Kürze entschlossen wirkenden Versen folgt das Ritardando der beiden vierhebigen, doch setzt der Schlussvers mit seiner Festigkeit das retardierende Moment wieder außer Kraft. Dieses rhythmische Grundmuster spiegelt in den Einzelstrophen die Bewegung des Gedichtganzen: den Ausdruck der Gegenwartsfreude, die Wiederbeschwörung einer qualvollen Vergangenheit und deren Überwindung. Und wie um die Erneuerung des Lebensmutes zu bekräftigen, entfällt in der Schlussstrophe mit der Dreihebigkeit aller Verse das rhythmische Ritardando.
     

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Elisabeth  Langgässer  (I899-I950):  Frühling  I946  -  Heimkehr  ins  Leben    


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