Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Ein frischer Ton
» Frank Wedekind (I864-I9I8): Der Tantenmörder - Moritat

Frank Wedekind (I864-I9I8): Der Tantenmörder - Moritat



Das Gedicht Der Tantenmörder hat seinen Ort in der Geschichte des Bän-kelsangs, genauer: des literarisierten Bänkelsangs. Die im 19. Jahrhundert von Hufschlag und Schwerterklang widerhallende und von Rittern und Helden bevölkerte Welt der Ballade hatte sich um 1900 endgültig überlebt, und nicht um deren »Wiederherstellung«, zu der Börries von Münchhausen aufrief, konnte es gehen, sondern um eine Wiederauffrischung der Ballade von einem unfeierlichen Ton, ja sogar von populären Formen her. Dafür bot sich vor allem der Bänkelsang an. Schon der siebzehnjährige Wedekind entdeckte diese Quelle für ein moritatenhaftes Gedicht mit dem Titel Auf die Ermordung Alexanders IL . Unter den späteren Balladen sind Brigitte B., das Bänkellied von der Verführung eines Dienstmädchens durch einen Gauner, und Der Tantenmörder die bekanntesten geworden: sowohl mit Jubel wie mit Entrüstung aufgenommen.

      Der Tantenmörder
Ich hab' meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ich hatte bei ihr übernachtet Und grub in den Kisten-Kasten nach.
      Da fand ich goldene Haufen, Fand auch an Papieren gar viel Und hörte die alte Tante schnaufen Ohn Mitleid und Zartgefühl.
      Was nutzt es, daß sie sich noch härme -Nacht war es rings um mich her -Ich stieß ihr den Dolch in die Därme, Die Tante schnaufte nicht mehr.
      Das Geld war schwer zu tragen, Viel schwerer die Tante noch. Ich faßte sie bebend am Kragen Und stieß sie ins tiefe Kellerloch.
      Ich hab' meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ihr aber, o Richter, ihr trachtet Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
      Verbirgt sich im Erzähler von Brigitte B. tatsächlich noch ein Bänkelsänger mit Bildertafel oder -leinwand und mit Zeigestock, so ist in unserem Gedicht die Moritatenfigur zugleich Berichterstatter, Ich-Erzähler. Der Mörder schildert vor Gericht den Antrieb zum Verbrechen und den Hergang der Tat. Aber auch hier bleibt die Bilderfolge des Bänkelsängers noch erkennbar: Jede der drei Binnenstrophen vergegenwärtigt eine Geschehensstation. Und durch die Sprache des Geständnisses, die nicht psychologisch gedeutet werden will — der auf Mitleid hoffende Angeklagte würde sich nicht wie ein finsterer Schlächter aufführen —, schlägt wieder der fühllos-drastische Ton des Bänkelsängers durch.
      Die Moritaten der Jahrmarkts-Bänkelsänger waren schrecklich-grausige Geschichten, die einer Sensationslust des Publikums entgegenkamen wie ihre Vorläufer, die Zeitungslieder. Der plärrende Gesang des Bänkelsängers und die Demonstrationsgebärde mit dem Zeigestock, nicht zuletzt die schrillen Darstellungen auf der Bildertafel rückten aber das schreckliche Geschehen zugleich vom Zuschauer ab. Und immer war in der Sensationszubereitung des Bänkelsangs auch ein Element der Selbstparodie wirksam. Solchem Effekt helfen in Wedekinds Der Tantenmörder komische Doppelformen wie »Kisten-Kasten« und »Jugend-Jugend« oder das umgangssprachlich-jargonhafte »schnaufen« nach.
      Das Bild vom »Stoß in die Därme«, der Zynismus des Verses »Die Tante schnaufte nicht mehr« und der Sarkasmus des Ausdrucks »schlachten« sprengen aber den Rahmen des Nur-Komischen und treiben die Darstellung ins Groteske, in jene Art des Grotesken, die zwar Schauer erregt, aber die ernste Beklemmung vom Hörer oder Leser fernhält. Diese Art der Grotesken stellt uns nicht vor einen unheimlichen Abgrund in unseren Welt- und Lebensverhältnissen, legt es nicht auf existenzielle Erschütterung an, sondern trägt mit ihrer spielerischen Form eher zu unserer Entlastung vom Ãœberdruck der täglichen Verbrechensund Katastrophenberichte bei. Ja, man kann Wedekinds Tantenmörder — heute noch mehr denn zur Zeit der Entstehung - als eine Parodie auf die grelle Sprache und die grellen Bilder der Sensationsdarstellung in den Medien lesen.
      Wedekind brachte das Bänkellied nicht auf den Jahrmarkt zurück, verschaffte ihm aber den Zutritt zur Brettl- und Kabarettbühne. Er holte jenes Profane wieder in die Literatur, das der Volksballade nie fremd war. Zum Jungbrunnen einer neuen Form von »Kunstballade« allerdings wurde die Volksballade erst bei seinem Schüler Bertolt Brecht. Und selbst im Genre der erneuerten Moritat hat ihn sein Schüler, gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill, übertrumpft: in der Dreigroschenoper, dem Welterfolg, mit dem Evergreen Die Moritat von Ma-ckie Messer.

     

 Tags:
Frank  Wedekind  (I864-I9I8):  Der  Tantenmörder  -  Moritat    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com