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Detlev von Liliencron (I844-I909): Der Handkuß - Frech und salopp



Wie eine frische Brise fuhr die Lyrik des schleswig-holsteinischen Dichters Detlev von Liliencron in die Windstille der Ateliers, in denen Epigonen die klassizistischen und romantischen Formen kopierten. Er selbst, der Sohn eines adligen Zollbeamten und einer amerikanischen Generalstochter, wurde von einem unsteten Leben umgetrieben, war preußischer Offizier und quittierte, verschuldet, ein paar Jahre nach dem Krieg von 1870/71 den Dienst, brachte sich in Amerika als Sprach- und Klavierlehrer, auch als Zureiter über die nächste Runde, suchte in Schleswig-Holstein als Kirchspielvogt sesshaft zu werden, nahm nach einigen Jahren ein neues Risiko auf sich, das des freiberuflichen Schriftstellers, und lebte seit 1901 von einer kleinen Jahrespension des Kaisers. Bekannt machte ihn die Gedichtsammlung Adjutantenritte , deren Titel das Draufgängerische andeutet, mit dem er in die Domäne der Kunst-Konservatoren einbrach.
      Das Gedicht Handkuß bindet in unnachahmlicher Weise einen forsch-saloppen Ton in eine tänzerische Form ein:

Der Handkuss
Viere lang, Zum Empfang, Vorne Jean, Elegant Fährt meine süße Lady.
      Schilderhaus, Wache raus. Schloßportal, Und im Saal Steht meine süße Lady.
      Hofmarschall, Pagenwall. Sehr graziös, Merveillös Knixt meine süße Lady.
      Königin, Hoher Sinn. Ihre Hand, Interessant, Küßt meine süße Lady.
      Viere lang, Vom Empfang, Vorne Jean, Elegant, Kommt meine süße Lady.
      Nun wie war's Heut bei Czars? Ach, ich bin Noch ganz hin, Haucht meine süße Lady.
      Nach und nach, Allgemach, Ihren Mann Wieder dann Kennt meine süße Lady.

     
Der staccatohafte Stil, die kurzen Reimpaarverse und die der grammatischen Vollständigkeit spottende telegrammartige Reihung von Signalwörtern, hätte leicht etwas vom Ton hackender, schnarrender Rede annehmen können, der als preußischer Leutnantston beliebter Gegenstand der Karikatur geworden ist. Denn das Geschehen, der Besuch bei Hofe, spielt in einer gesellschaftlichen Sphäre, in der schneidige Offiziere zur Dekoration gebraucht werden. Und der Mann, der hier spricht, auch er scheint mit dem Sprachreglement des Offizierskasinos, der Mischung von zackiger Kürze und Nonchalance vertraut zu sein.
      Das Eckige der Sprache aber wird aufgefangen durch eine Leichtfüßigkeit der Verse, die aus der polkaartigen rhythmischen Bewegung des Gedichtganzen entsteht. Für ein musikalisches Element sorgt sichtbar auch die jeweilige Schlusszeile der Strophen, der - immer neu variierte - Kehrreim. Und es sind gerade die Varianten des Refrains, die den Ablauf des Geschehens und die Lebensart der Hauptfigur anzeigen . Der musikalisch-tänzerische Schritt der Verse hebt das Quicklebendige der Person, der »süßen Lady«, hervor und trägt zugleich zum ungewöhnlichen Charme des Gedichts bei.
      Ungewöhnlich ist auch die Anschaulichkeit der lyrischen Darstellung. Jede Strophe entwirft eine neue Szene, und es genügen jeweils nur ein paar Impressionen, solche Szenen zu umreißen: Viere lang , der Kutscher und die elegante Lady bei der Ausfahrt, dann das Schilderhaus, das Schlossportal und im Saal die Lady usw. Obwohl Tätigkeitswörter ausschließlich in den Refrains auftauchen, also ein substantivischer Stil vorherrscht, entsteht der Eindruck eines ungestümen Eilens von Szene zu Szene. Es ist die pointillistische Wahrnehmung , die der Bewegung Tempo gibt. Und es wird unmittelbar einsichtig, warum man Liliencrons lyrischen Stil in Analogie zum Stil der Malerei als impressionistisch empfand.
      In einer Zeit, da sich ein Lyriker wie Emanuel Geibel als den letzten frommen Ritter der reinen Kunst, des Schönen und des geheiligten Maßes und als göttlich begnadeter Sänger sah, da romantische Gefühls- und Stimmungslyrik nur noch fahle Spätblüten hervorbrachte und die Leser der Gartenlaube sich ohnehin an Goldschnittlyrik hielten, in solcher Zeit bescherte der unbefangene Sensualismus Liliencronscher Gedichte der Lyrik des Jahrhundertendes eine kleine Wiederholung dessen, was in der deutschen Literaturgeschichte »Sturm und Drang« genannt wird.
     

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Detlev  Liliencron  (I844-I909):  Der  Handkuß  -  Frech  salopp    


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