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Arno Holz (I863-I929): Brücke zum Zoo - Revolution der Lyrik?



Brücke zum Zoo
Im Tiergarten, auf einer Bank,behaglich,ein Knie über das andere, bequem-nachlässig zurückgelehnt,sitze ichund rauche undfreue mich über die schöne Vormittagssonne!
Vor mir,glitzernd, der Kanal:den

Himmel spiegelnd, beide Uferleise schaukelnd.
      Ãober die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant.
      Unter ihm, zwischen den dunkelen, schwimmenden, blütenkerzigen Kastanienkronen,propfenzieherartig, ins
Wasser gedreht,den

Kragen siegellackrotsein
Spiegelbild.
      Aus den hohen Uferulmenschmettern die Finken,vom nahen
Zoo,erfreulich ohrenbeleidigend, metallischschrillgell, markdurchdringlich,verliebt,erhebt sich ein Affengekreisch;ein ganzwahrhaftiger,wahrer und wirklicher

Kuckuck,irgendwo, hinter mirsiebenmal,ruft.
     
Das Gedicht steht in der Sammlung Phantasus von 1898/99, mit der Holz vollzogen zu haben glaubte, was er im Titel einer Schrift von 1899 Revolution der Lyrik nennt. Welches sind die Ordnungsgesetze dieser durch »Revolution« geschaffenen neuen Lyrik? Der Verzicht auf Metrum, Reim und regelhafte Strophe zugunsten der Anordnung des Textes um eine Mittelachse; statt selbstzweckhafter »Musik durch Worte« ein Rhythmus, der die Abfolge von Eindrücken und Empfindungen wiedergibt. Die »jeweilig beabsichtigten Lautbilder« sollen möglichst auch schon typographisch angedeutet werden. Wie alle »Revolutionen« setzte Holz seine Theorie absolut. Hält das Gedicht Brücke zum Zoo dem Anspruch des Autors an seine eigene Lyrik stand?
Der Anfang bestätigt Holz' hohe Selbsteinschätzung. Die Selbstvorstellung des Dichters spielt auf ein Gedicht Walthers von der Vogelweide an . Mit dem versteckten Zitat stellt sich Holz in die Reihe der deutschen Lyriker allerersten Ranges. Und beachtlich ist gewiss die Genauigkeit in der Wiedergabe von Sinneseindrücken. Die Augen und Ohren des Dichters lassen die konkrete Großstadtrealität geradezu greifbar werden: das schaukelnde Spiegelbild des Himmels im Kanal, den reitenden Leutnant als die gewohnte Staffage des Tiergartens, die Blüten der Kastanien, kerzen- und »pfropfenzieherartig«, das Geschmettere der Finken, vom Zoo herüber das Affengekreisch und aus der Nähe den siebenfachen Kuckucksruf.

     
Halten wir uns an die letzten Verse, so zeigt ihre Anordnung Folgerichtigkeit im Sinne der Theorie. Das Erstaunen über das in der Großstadt ganz Unerwartete wird dadurch kenntlich gemacht, dass sich der Dichter im Staccato der Kurzzeilen immer neu die Wirklichkeit des Kuckucksrufs bestätigt; Wahrnehmung und Empfindung bestimmen die Versgestalt. Ob der Artikel unbedingt allein eine Zeile für sich beanspruchen und dadurch sich isolieren sollte, ist zweifelhaft. Aber offenbar sucht Holz den grammatischen Grundriss zu verdeutlichen, indem er Satzglieder wie Subjekt, Prädikat, Umstandsangaben oder satzwertige Partizipien durch Zeileneinschnitt voneinander abhebt.
      Der Beschreibungseifer erinnert an den Willen zur fast wissenschaftlichen Exaktheit in der »Kleinmalerei« von Barthold Hinrich Brockes. Doch fehlt bei Holz die theologische Ãoberwölbung des Gedichts; nicht auf »irdisches Vergnügen in Gott«, sondern auf den Sinnenreiz zielt Dichtung hier. Originelle Komposita wie »pfropfenzieherartig«, »metallischschrillgell« oder »markdurchdringlich« sind Wortbildungen, durch die das Ungefähre von poetischen Metaphern vermieden und das Poetische gleichwohl gerettet werden kann.
      »Behaglich« ist das Stichwort für die Art, mit der die Beobachtungen mitgeteilt, ja erzählt werden. Der Haltung eines Epikers entsprechen die Detailtreue und -freude, das Verweilen beim Gegenstand und die Wahl einer prosanahen Sprache. Dass hier aber Prosasätze nicht einfach durch Zeilen- und Mittelachsen-Anordnung aufgelöst worden sind, beweist leicht der Versuch, das Gedicht in Erzählprosa zu übersetzen. Zumal am Schluss zeigt die Hinführung des Satzes auf das »siebenmal« und schließlich »ruft« die pointierende Abweichung vom regulären Satzbau.
      Dennoch ist hier kein Bruch mit der Grammatik und der lyrischen Konvention vollzogen, der den Begriff der »Revolution« rechtfertigen würde. Und typographische Muster wie die Gruppierung des Textes um eine Mittelachse sind längst aus der Geschichte des Bildgedichts bekannt. Historisches und ästhetisches Gewicht aber hat Holz' Versuch, für den Facettenreichtum der Großstadtwirklichkeit, für ihre Alltagsnüchternheit und ihre geheime Poesie eine neue lyrische Form zu finden und dieses Muster in einer Vielfalt von Varianten zu erproben.
     

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