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von Droste-Hülshoff (I797-I848): Im Grase - Alle Poren zur Natur geöffnet



Im Grase
Süße Ruh', süßer Taumel im Gras, Von des Kraures Arom' umhaucht, Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut, Wenn die Wolke am Azure verrauchr, Wenn aufs müde schwimmende Haupt Süßes Lachen gaukelt herab, Liebe Stimme säuselt und träuft Wie die Lindenblüt' auf ein Grab.
      Wenn im Busen die Toten dann,

Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,

Die geschloßne Wimper bewegt,
Tote Lieb', tote Lust, tote Zeit,

All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang

Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.
      Stunden, flucht'ger ihr als der Kuß Eines Strahls auf den trauernden See, Als des ziehnden Vogels Lied, Das mir niederperlt aus der Höh', Als des schillernden Käfers Blitz Wenn den Sonnenpfad er durcheilt, Als der flucht'ge Druck einer Hand, Die zum letzten Male verweilt.
      Dennoch, Himmel, immer mir nur Dieses eine nur: für das Lied Jedes freien Vogels im Blau Eine Seele, die mit ihm zieht, Nur für jeden kärglichen Strahl Meinen farbig schillernden Saum, jeder warmen Hand meinen Druck Und für jedes Glück meinen Traum.
      Selten begegnet man in der Lyrik der Droste einem so gelösten dichterischen Ich wie in diesen erstmals 1844 gedruckten Versen. Fließender als sonst ist der Rhythmus. Nichts vom sperrigen Satzbau, durch den sich manchmal die bohrenden Gedanken der Droste hindurchkämpfen. Nichts von der selbstquälerischen Inbrunst mancher ihrer geistlichen Gedichte. Die erste Zeile gleich gibt mit dem doppelten »süß« das Signalwort für einen Zustand der Entspannung und des Glücks. Alle vier Strophen bestehen jeweils aus einem Satz; unaufhaltsam, wenn auch in immer neuen Stößen, drängt der Gedanke durch die acht Verse zum Strophenschluss. Wortwiederholungen — das dreifache »tief« in der 3., das doppelte »leise« in der 11. und das dreifache »tot« in der 13. Zeile — zeigen die Intensität des Gefühls und des Sprechens an. In den vier Strophen halten die Abfolge von reimlosen und gereimten Versen und die unregelmäßige Füllung der Senkungen das Gedicht in der Waage zwischen Freiheit und Bindung. Solche Lockerheit der Verssprache scheint einem Ich angemessen, das seine Poren weit zur Natur geöffnet hat.
      Der Taumel der Sinne, das Eintauchen in den Duft der Gräser wie die Wahrnehmung der »Wolke am Azure«, und die Imagination einer herabsäuselnden Stimme überschlagen sich im Rausch der Wörter. Der poetische Vergleich am Ende der ersten Strophe ruft eine Gegenwelt herauf, die der Toten. Aber sie ist hier ohne Schrecken, eine Welt der Erwachenden, deren Erinnerung das Abgestorbene wieder belebt und hörbar macht. In der zweiten Strophe also durch die «schüchterne« Anspielung auf die verheißene Wiederauferstehung eine Ãœberlagerung der Sinnenwelt durch die religiöse?
Die dritte Strophe wendet sich wieder dem Diesseits zu, wobei offen bleibt, ob die flüchtigen, aber seligen »Stunden« erinnerte Vergangenheit sind oder eine Vision erfüllter Augenblicke. Den Vergleichen, die solche Glücksmomente poetisch umschreiben , sind Helligkeit und Unbeschwertheit gemeinsam. Nur das Abschiedsmotiv im letzten Händedruck, vorweggenommen im Bild des »trauernden Sees«, hebt das Ãœbergewicht des Lichten auf.
      So versteht sich die adversative Konjunktion am Anfang der letzten Strophe, das der Hinfälligkeit des lichten Augenblicks entgegengehaltene »Dennoch« -der Wunsch an den »Himmel«, alles ins traumhaft Glückliche zu wenden, was noch elegisch überschattet ist. Die poetischen Bilder der Vergleiche in der dritten Strophe werden jetzt zum Gegenstand des Wünschens selbst, zu Garanten eines Ãœberdauerns glückhafter »Stunden«. Die Vorstellung von Ewigkeit deutet sich vorsichtig an im Bild der Seele, die mit dem freien Vogel ins Himmelblau emporsteigt.
      Es soll nicht der Eindruck entstehen, als erlaube das Gedicht eine völlig schlüssige Aufhellung des poetisch-sinnhaften Vorgangs. Der Leser muss sich mit dem gedanklichen Ungefähr dieser vier Strophen zufrieden geben. Unter den dichterischen Gattungen kann die Lyrik vom Gebot strenger logischer Folgerichtigkeit am ehesten befreit werden. Dieses Gedicht ist ein Tagtraum von großer poetischer Magie. Es ist der dichterische Ausdruck einer Seelenlage, die man bei der Droste nicht eben häufig antrifft. Eine Ekstase ergreift das dichterische Ich, die sich einem Gefühl seliger Geborgenheit in der Natur verdankt. Und die Anschauung der Natur wird auch in der Vision nicht preisgegeben, die konkreten Elemente der Natur bleiben Bausteine des Tagtraums. Ein Gedicht wie Die Mergelgrube ist mit seiner Tiefenbohrung in die Erdgeschichte von stärkerer Realitätsgebundenheit und es stellt der naiven, unre-flektierten Naturbetrachtung die Optik eines historischen Bewusstseins gegenüber. Das Gedicht Im Grase ist von stärkerer existenzieller Gebundenheit; das Naturerlebnis löst einen rauschhaften Zustand aus: die Ahnung eines gesteigerten Daseins.
     

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Droste-Hülshoff  (I797-I848):  Im  Grase  -  Alle  Poren  zur  Natur  geöffnet    




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