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Theodor Storm (I8I7-I888): Die Nachtigall - Fest des Gleichklangs



Noch in der Lyrik des 18. Jahrhunderts begegnen wir der Nachtigall unter dem Namen Philomele. In jener griechischen Sage, nach der die Königstochter Philomela von den Göttern in eine Nachtigall verwandelt wurde, gehen dem Gestaltwandel blutrünstige Ereignisse voraus, die zur poetischen Aura des Nachtigallengesangs nicht recht passen wollen. Mögen die Griechen in der Nachtigallenstimme einen klagenden Ton vernommen haben, so empfinden wir den Gesang der Nachtigall eher als melodiös. Er ist besonders betörend des Nachts und am schönsten dann, wenn das Weibchen brütet; den Liebenden ist er willkommener Begleiter. Wem würde nicht der Satz Julias zu Romeo nach der gemeinsamen Nacht: »Es war die Nachtigall und nicht die Lerche«, wieder gegenwärtig, wenn er Storms Gedicht Die Nachtigall liest.

     
Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.
      Sie war doch sonst ein wildes Kind; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut Und weiß nicht, was beginnen.
      Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.

     
Storm macht das Eindringliche des Nachtigallengesangs durch die vielfache Wiederholung jener Reimsilbe hörbar, die das Schallerlebnis versinnlicht. In der Reimanordnung der ersten Strophe taucht sie dreimal als Endreim und einmal als Binnenreim auf. Diese Ballung akustischer Entsprechungen verdichtet sich noch durch die genaue Wiederholung der ersten Strophe in der dritten. In der Wiederkehr einer ganzen Strophe als Refrain vervollständigt sich das Liedhafte und Musikalische des Gedichts zum Fest des Gleichklangs.
      Von keiner Wirkung des Nachtigallengesangs auf Menschen wird direkt gesprochen. Der Dichter nimmt aber eine alte, aus Märchen vertraute und in der Romantik wieder erweckte Vorstellung auf: die von der Kommunikation aller Naturwesen untereinander. Von der lockenden Süße des Nachtigallengesangs überwältigt, entfalten die Rosen ihre Blätter. Mit dem Aufspringen der Knospe beginnt die hohe Zeit der Blume, die der Blüte, der Schönheit.
      Die mittlere Strophe wendet sich dem Menschen zu, einem Mädchen, das offenbar gerade dem Alter des Herumtollens entwachsen ist. Storm lässt das Ungezügelte des »wilden Kindes« im Strophenbau sinnfällig werden: Der erste Vers ist eine Waise, der einzige Vers, der sich dem Reimmuster nicht fügt.
      »Nun geht sie tief in Sinnen« - dieses Bild der sinnenden Frau taucht auch in Storms Gedicht Juli auf:
Juli
Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Ã"hren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur -Junge Frau, was sinnst du nur?
Hier verweist die Symbolik der Bilder auf die Schwangerschaft der Frau oder doch ihre Hoffnung auf ein Kind. Im Gedicht Die Nachtigall kommt es zu solcher Eindeutigkeit nicht. Die junge Frau ist wie abwesend, ihre Schritte sind ziellos. Etwas muss sie getroffen, verwirrt haben. In einem anakreontischen Gedicht wäre es wahrscheinlich Cupidos Pfeil. Aber hier bleibt die Analogie zum Vorgang der ersten Strophe unbestimmt. Etwas ist verändert worden im Leben des Mädchens; und dass dieses Etwas mit ihrer Weiblichkeit und wohl auch Liebe zu tun hat, scheint sicher, denn unvergessen sind ja der »süße Schall« der Nachtigall und die aufgesprungene Rosenknospe. Aber nicht zur Konkretheit des Gleichnisses verstärkt sich der Bezug zwischen den Vorgängen der Strophen. Der Dichter hält alles in der Schwebe. Und als wollte er allzu direkten Nachfragen zuvorkommen, zieht er den Vorhang wieder vor der Szene zu, schwenkt zurück zum märchenhaften Naturvorgang. Der Nachtigallengesang hat das erste und das letzte Wort.

     

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