Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Die Wirklichkeit der Landschaften
» Joseph Freiherr von Eichendorff (I788-I857): Mondnacht

Joseph Freiherr von Eichendorff (I788-I857): Mondnacht



Weinend muss mein Blick sich senken

Nikolaus Lenau . Schilflieder, Nr. 5

Schilflieder, Nr.
Auf dem Teich, dem regungslosen, Weilt des Mondes holder Glanz, Flechtend seine bleichen Rosen In des Schilfes grünen Kranz.
      Hirsche wandeln dort am Hügel, Blicken in die Nacht empor; Manchmal regt sich das Geflügel Träumerisch im tiefen Rohr.
      Weinend muß mein Blick sich senken; Durch die tiefste Seele geht Mir ein süßes Deingedenken Wie ein stilles Nachtgebet!

Unendlich ist die Zahl der Mondgedichte oder doch der Naturgedichte, in denen der Mond sein Licht über die Landschaft gießt. Am berühmtesten unter den in zeitlicher Nähe zu den Schilfliedern entstandenen Gedichten wurde, nicht zuletzt durch die Vertonung von Robert Schumann, Eichendorffs Mondnacht. Das Gedicht sei hier zum Vergleich zitiert:

Mondnacht
Es war, als hätt' der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müßt'.
      Die Luft ging durch die Felder, Die Ã"hren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht.
      Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus.
      Nur selten weist ein unterschiedliches Metrum schon auf die unterschiedliche Konzeption von Gedichten. In diesem Falle wohl. Die aufsteigende Bewegung des jambischen Metrums in Eichendorffs Mondnacht und die fallende des Trochäus in Lenaus Schilflied haben Symptomwert. In beiden Gedichten ist zunächst der Himmel, das Firmament als Ort des lichtspendenden Monds der Ausgangspunkt. Während bei Eichendorff das Bild vom Himmel, der die Erde küsst, auf alte Schöpfungsmythen anspielt, erscheint bei Lenau nur im »holden Glanz« eine Spur des Numinosen, die zudem durch die folgende Metapher der »bleichen Rosen« gelöscht wird. Die Region des Oben bleibt noch angedeutet im Aufblicken der Hirsche, aber in der dritten Strophe ist die fallende Bewegung unaufhaltsam, im sich senkenden Blick und im Sich-Versenken ins Innere. Bei Eichendorff dagegen führt in der dritten Strophe die Bewegung nach oben und ins Weite.
      Dass Eichendorff die Bilder der geflügelten Seele und ihres Heimflugs religiös verstanden wissen wollte, beweist in der Handschrift seine Zuweisung des Gedichts zur Abteilung Geistliche Gedichte. Bei Lenau steht an Stelle der Rückkehr der Seele in die religiöse Heimat der Rückzug der Seele in sich selbst, in das traurige Gedenken an einen geliebten Menschen. Ein »Nachtgebet« ist diese Seelenregung nur als Vergleich, kraft Analogie. Den Text dieses »Gebets« bildet das Vokabular der Schwermut.
      Was bei Lenau oft allzu schnell unter »Weltschmerz« rubriziert wird, bezieht sich hier also auf ein Du. Doch ist die Melancholie eine Konstante in der Seelenbiographie Lenaus. Der im ungarischen Temeswar geborene Autor vermochte nirgendwo heimisch zu werden. Ã-sterreich-Ungarn erschien ihm als »Völkergefängnis«, auch der Deutschlandaufenthalt bewahrte ihn nicht vor »Europamüdigkeit«; er wanderte 1832 nach Amerika aus, kehrte aber schon nach einem Jahr enttäuscht zurück. Seine Opposition zu Staat und Kirche lenkte sein schriftstellerisches Interesse auf historische Ketzergestalten und -bewegungen {Savonarola und Die AlbigenseR). Aber auch die Entladung des politischen Zorns hielt die Gemütsverfinsterung nicht auf. Bevor er Zuflucht in der schon beschlossenen Ehe finden konnte, brach er psychisch völlig zusammen und verlebte die wenigen Jahre bis zu seinem Tod in geistiger Umnachtung.
      Die Schilflieder stammen noch aus der frühen Zeit der Unruhe. Lenau sicherte als erster Dichter der ungarischen Landschaft ihren Platz in der deutschsprachigen Naturlyrik. Noch hatte die Melancholie nicht jenen Grenzbezirk erreicht, wo Schwermut und Wahnsinn ununterscheidbar werden.

     

 Tags:
Joseph  Freiherr  Eichendorff  (I788-I857):  Mondnacht    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com