Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Die Wirklichkeit der Landschaften
» Heinrich Heine (I797-I856): Die Lotosblume ängstigt / Sich vor der Sonne Pracht ... - Emanuel Geibel (I8I5-I884):

Heinrich Heine (I797-I856): Die Lotosblume ängstigt / Sich vor der Sonne Pracht ... - Emanuel Geibel (I8I5-I884):



Die stille Wasserrose ...

     
Der Buhle Mond

Die Lotosblume ängstigt Sich vor der Sonne Pracht, Und mit gesenktem Haupte Erwartet sie träumend die Nacht.
      Der Mond, der ist ihr Buhle, Er weckt sie mit seinem Licht, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengesicht.
      Sie blüht und glüht und leuchtet, Und starret stumm in die Höh; Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und Liebesweh.

     
Heines Gedicht steht als zehnter Text im Zyklus Lyrisches Intermezzo . Mit ihm werden Lotosblumenbild und -metapher überhaupt erst in der deutschen Lyrik vertraut. Um das Liebesgleichnis des Gedichts zu verstehen, muss man nicht unbedingt den mythischen Hintergrund des Lotossymbols kennen -nach den Vorstellungen der alten I nder ruhte der Weltenschöpfer auf dem Lotos; bei ihnen war der Lotos Sinnbild der Erde, bei den Ägyptern Sinnbild des Universums. Immerhin geht auch im Gedicht der kosmische Horizont nicht verloren.
      Deshalb lassen sich drei Bedeutungsschichten unterscheiden: Die des realen Naturvorgangs , eine mythische sowie eine symbolisch-gleichnishafte Schicht. Der den Strophen entsprechende Dreischritt führt auf der ersten Bedeutungsebene von der Schutzsuche der Pflanze vor sengender Sonne über die Öffnung der Blüte im Mondlicht zu ihrer vollen Entfaltung. Auf der mythischen Sinnebene ist es die Erde, die unter der Sonnenglut leidet und in der Nachtkühle aufatmet; die Vorstellung von Erde und Mond als Liebenden ist geläufig - sie erreichen sich nie, deshalb die Wehmut. Im Liebesgleichnis ersehnt die Liebende die Nacht, begegnet dem Geliebten, doch bleibt der Liebe die Erfüllung versagt.
      Die vom Volkslied und der Romantik her, ja aus der Tradition der Liebesdichtung überhaupt vertraute Kopplung von Liebe und Leid erhält hier ein exotisches Dekor und gleitet in der Schlussstrophe ins Sentimentale, wenn man in der Ausdruckshäufung nicht ein leises Ironiesignal mithört.
      Ohne Heines Verse von der Lotosblume wäre Emanuel Geibels Gedicht über die Wasserrose kaum denkbar; zu deutlich sind die Korrespondenzen - auch im Titel des Zyklus, zu dem dieses Jugendgedicht Geibels gehört: Lieder als Intermezzo.
      Die stille Wasserrose

Steigt aus dem blauen See,
Die feuchten Blätter zittern,

Der Kelch ist weiß wie Schnee.
      Da gießt der Mond vom Himmel All seinen goldnen Schein, Gießt alle seine Strahlen In ihren Schoß hinein.
      Im Wasser um die Blume Kreiset ein weißer Schwan: Er singt so süß, so leise, Und schaut die Blume an.
      Er singt so süß, so leise, Und will im Singen vergehn -O Blume, weiße Blume, Kannst du das Lied verstehn?
Geibel holt die Blumensymbolik vom Exotischen wieder ins Heimische und bei diesem Gedicht des in Lübeck geborenen Pfarrersohns erinnert sich der Leser vielleicht der Novelle von Geibels Landsmann Theodor Storm, in der die auf dem Immensee schwimmende Wasserlilie für den Erzähler zum Symbol eines nahen, aber unerreichbaren Liebesglücks wird.
      Geibels Strophen trumpfen mit einer Häufung von Adjektiven, und zwar bloß schmückenden oder formelhaften Adjektiven auf . An die Stelle der Lotos-Mythe tritt der griechische Mythos, und zwar gleich in doppelter Weise. Der goldne Schein des Monds, der sich in den Schoß der Blume ergießt, verweist auf Zeus' Begattung Danaes in der Gestalt eines goldenen Regens, die vom Schwan umkreiste Blume auf die verbreitetste Leda-Sage, wonach Zeus die Königin in der Gestalt eines Schwans verführte. Das Erotische, das bei Heine in der Schwebe bleibt, wird hier ins Direkte, Eindeutige gebracht. Das kann grundsätzlich kein Einwand gegen Geibels Gedicht sein. Was aber wiegt, ist die Unstimmigkeit in der Folge der Bilder. Da bereits mit der Anspielung auf Zeus' Besuch bei Danae die Assoziation zum Empfängnisvorgang geweckt wird, ist der schmachtende Gesang des Schwans zur Zweitrangigkeit des Nachträglichen verurteilt: Eine Erfüllung ging schon der Werbung voraus.
      Die gültigste, zumindest geistreichste Form hat das Blume-Mond-Motiv in einem zweiten Gedicht Heines erhalten, das nun ausdrücklich den Titel Lotosblume trägt. Es ist entstanden in seinem letzten Lebensjahr , als ihm die junge deutsche Schriftstellerin Elise Krinitz, die er seine »Mouche« nannte, durch ihre Besuche die schweren und öden Tage auf dem Pariser Krankenlager etwas leichter machte, und ist das wohl bekannteste seiner Mouche-Gedichte.
      Es knüpft unmittelbar an die biographische Situation an. »Wahrhaftig, wir beide bilden / Ein kurioses Paar«: sie ein »leidendes Kätzchen« und er »krank«. »Vertraut sind ihre Seelen, / Doch jedem von beiden bleibt fremd / Was bei dem andern befindlich / Wohl zwischen Seele und Hemd.« Ohne Wehleidigkeit belächelt der Dichter seine Hilflosigkeit, Entsagung und auch Lächerlichkeit. Und nun, in den beiden Schlussstrophen, der Rückbezug auf das frühere Gedicht:
Sie sei eine Lotosblume, Bildet die Liebste sich ein; Doch er, der blasse Geselle, Vermeint der Mond zu sein.
      Die Lotosblume erschließet Ihr Kelchlein im Mondenlicht, Doch statt des befruchtenden Lebens Empfängt sie nur ein Gedicht.
      Der jämmerliche Zustand des Paares entzaubert die Situation des früheren Gedichts, ja, der Rückbezug dient nur dazu, der Selbstdemontage Heines ein ironisches Spielfeld zu schaffen. Ein wahrhaft tragikomischer Fall! Denn es ist Heine gewesen, der gegen die Sinnenfeindlichkeit der jüdischen und christlichen Religion und der puritanischen Republikaner zu Felde zog, der mit der Rehabilitierung des »Fleisches« die Wiederversöhnung von Geist und Leib forderte und einen Sensualismus predigte, als dessen Beispiel er Goethes Westöstlichen Divan pries. Ausgerechnet der Apostel der Sinnenfreude ist nun auf Magerkost gesetzt. Aber anders als in den Versen aus dem Lyrischen Intermezzo, wo sich die Lotosblume in Liebesweh verzehrt, wird hier die körperlose Liebe produktiv. Zeugt diese Liebe kein neues menschliches Leben, so doch ein Geschöpf der Kultur, und die Pointe »Nur ein Gedicht« ist umkehrbar: immerhin Dichtung. Der komische Liebhaber ist keineswegs ein Eunuch. Das ironische Spiel mit der Zeugungs- und Empfängnismetapher tastet die dichterische Schöpferkraft des »lahmen« Liebhabers nicht an - und wir wissen, welch großartiges dichterisches Werk Heine dem Martyrium des Kranken- und Sterbelagers noch abgetrotzt hat.
     

 Tags:
Heinrich  Heine  (I797-I856):  Die  Lotosblume  ängstigt  /  Sich  vor  der  Sonne  Pracht  ...  -  Emanuel  Geibel  (I8I5-I884):    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com