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Gottfried Keller (I8I9-I890): Sommernacht - Ein alter Brauch - erhaltenswert



Sommernacht

Es wallt das Korn weit in die Runde Und wie ein Meer dehnt es sich aus; Doch liegt auf seinem stillen Grunde Nicht Seegewürm noch andrer Graus: Da träumen Blumen nur von Kränzen Und trinken der Gestirne Schein. O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen Saugt meine Seele gierig ein!

In meiner Heimat grünen Talen,
Da herrscht ein alter schöner Brauch;

Wann hell die Sommersterne strahlen,
Der Glühwurm schimmert durch den Strauch:

Dann geht ein Flüstern und ein Winken,
Das sich dem Ã"hrenfelde naht,

Da geht ein nächtlich Silberblinken
Von Sicheln durch die goldne Saat.
      Das sind die Burschen, jung und wacker, Die sammeln sich im Feld zu Häuf Und suchen den gereiften Acker Der Witwe oder Waise auf, Die keines Vaters, keiner Brüder Und keines Knechtes Hilre weiß -Ihr schneiden sie den Segen nieder, Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.
      Schon sind die Garben fest gebunden Und schön in einen Kranz gebracht; Wie lieblich flohn die stillen Stunden, Es war ein Spiel in kühler Nacht! Nun wird geschwärmt und hell gesungen Im Garbenkreis, bis Morgenduft Die nimmermüden, braunen Jungen Zur eignen schweren Arbeit ruft.

     
In dieser >prächtigen Sommernacht< leuchten die Sterne so hell wie bei Eichen-dorff {SehnsuchT), und es singen auch hier junge Burschen. Aber niemand lauscht einsam dem Posthorn nach und niemand singt sehnsüchtig von Palästen im Mondenschein. Hier macht auch nicht Genuss die Nacht zum Tage, hier tauchen in der altvertrauten poetischen Kulisse der Sommernacht arbeitende Menschen auf. Das Gedicht hat Bodenhaftung.
      Das ist ganz wörtlich gemeint. Die erste Strophe allerdings will an die Ackererde noch nicht so recht heran. Das Wogen des Ã"hrenfeldes fordert den Vergleich mit dem Meer heraus, und in der Einschränkung des Vergleichs kehren noch einmal die geläufigen poetischen Vorstellungen zurück: Blumenkränze, Sternenschein, Frieden und Seelenlabsal.
      Nach dieser lyrischen Introduktion aber setzt eine Erzählung ein. Berichtet wird, wie sich noch in der Gegenwart ein alter Brauch der heimatlichen Täler erhalten hat - eine schweizerische Variante zur Sage von den Heinzelmännchen in Köln, die durch August Kopischs Ballade in die Schulbücher gelangte. Wie Geister erscheinen auch die jungen Männer in Kellers Gedicht , heimlich verrichten auch sie ihr Werk für andere. Menschliche Neugier und mutwilliger Schabernack freilich, die bei Kopisch die dienstbaren Zwerge vertreiben, kommen bei Keller nicht ins Spiel. Im Ãobrigen hat der Volksbrauch nicht den Märchencharakter der Kölner Lokalsage; er setzt Menschen in Aktion.
      Und doch klingt auch in Sommernacht der Ton eines Märchenerzählers oder einer Märchenerzählerin an, nämlich in einer gewissen Naivität des lyrischen Sprechens und im Hang zu Vokabeln der Idylle. Ohnehin verstärkt die lyrische Form, verstärken Vers und Reim ein spielerisches Moment, das die Zeile »Es war ein Spiel in kühler Nacht« unmittelbar benennt. Die Hilfsaktion der Dorfburschen gerät im Gedicht zur Genreszene. Das silberne Blinken der Sicheln, das Wackere der Burschen, das liebliche Fliehen der Stunden, der schwärmerische Gesang - alles dies strahlt die Selbstzufriedenheit einer widerspruchsfreien intakten Welt aus. Es soll nicht Kellers Gedicht herabsetzen, wenn wir einen Zeitsprung machen: zur »Blut- und Bodendichtung« der Nationalsozialisten und zu Bauernszenen des »sozialistischen Realismus« mit ihrer Plakatierung strotzender Gesundheit und leuchtender Gesichter. Dort führt ideologisch verordneter, fauler Optimismus zu wirklichkeitsverfälschenden Bildern.
      Der Vorwurf heuchlerischer Schönfärberei kann Kellers Gedicht nicht treffen. Gewiss erscheint die freiwillige Erntearbeit stark poetisiert, aber die Darstellung erweckt doch eine appellative Kraft, indem sie zeigt, wieviel Befriedigung, ja Freude unvergoltene Hilfeleistung gewähren kann. Das Gedicht wird zum hohen Lied auf eine noch selbstverständliche Tatbereitschaft, die man Nachbarschaftshilfe, Nächstenliebe, Armenhilfe oder Solidarität nennen kann, die jedenfalls einem sozialen Antrieb entspringt, den die Volksüberlieferung, der »alte schöne Brauch«, zur Verhaltenspraxis hat werden lassen.

     
Es scheint dem Dichter dieser Verse unvergessen zu sein, dass er selbst in dürftigen Verhältnissen aufwuchs und zunächst die Armenschule besuchte. Die Kindheit hat ihn andere Vorbilder achten gelehrt als Schulbücher, in denen Staatshelden gefeiert werden. Weitaus früher als Deutschland hat sich die Schweiz der Demokratie anvertraut und ein urdemokratisches Selbstverständnis, wonach Freiheitsrechte nicht von der Verpflichtung entbinden, an der Lösung sozialer Probleme der Gemeinschaft oder Gesellschaft mitzuwirken, wird auch in diesem Gedicht lebendig.
      Zu keiner Falschmünzerei lässt sich Keller herbei. Das Gedicht endet weder als Preislied noch mit idyllischem Schwindel. Der Schluss holt die Erzählung zur Härte des bäuerlichen Lebens zurück: Der anbrechende Tag ruft die jungen Männer zur »eignen schweren Arbeit«.
     

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Gottfried  Keller  (I8I9-I890):  Sommernacht  -  Ein  alter  Brauch  -  erhaltenswert    


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