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Friedrich Hebbel (I8I3-I863): Sommerbild - Herbstbild - Wendepunkte



Friedrich Hebbel hat in der Geschichte des Dramas mehr in Bewegung gesetzt als in der Geschichte der Lyrik. Doch sind ihm Gedichte geglückt, in denen sich der Lyriker ganz aus dem Bann des Dramatikers und Tragikers löst, Gedichte wie Nachtlied, Abendgefühl oder Ich und Du. Auch Sommerbild und Herbstbild sind Texte, in denen sich ein »lyrisches Ich« der Empfindung und der Reflexion hingibt, die das Anschauen der Natur in einer bestimmten Jahreszeitensituation auslöst. Und doch lässt sich in diesen wohl bekanntesten Gedichten Hebbels noch in Spuren die Blickweise des Dramatikers erkennen, im Interesse an der besonderen, spannungsvollen, ja extremen Szene oder Situation.

     
Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot; Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:

»So weit im Leben, ist zu nah am Tod!«
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging.

     
Dies ist ein Gedicht über die Situation »auf des Messers Schneide«. Das Blutrot der Rose lässt den Vorübergehenden erschauern, weil sich die Vorstellung des Verblutens mit einstellt. Der Lebensprozess hat einen Punkt erreicht, wo der Umschlag in den Verfallsprozess unmittelbar bevorsteht. Von poetischer Schönheit und Prägnanz ist Hebbels Satz »So weit im Leben, ist zu nah am Tod!«
Die zweite Strophe fängt zunächst die Atmosphäre eines allgemeinen Stillstands in der Natur ein. Die Welt scheint nicht mehr zu atmen. Und nun noch einmal, wie am Ende der ersten Strophe, das Bild der inneren Widersprüchlichkeit des Daseins: Der einzige Lebensatem in der Windstille des heißen Tags, der durch den Flügelschlag des Schmetterlings ausgelöste Lufthauch, weht die Rose an als Todeshauch. Dass sich unaufdringlich im Weiß der Schmetterlingsfarbe schon Todesbleiche andeutet, vervollständigt das kunstvolle Geflecht der Bild-und Sinnkorrespondenzen.

     
Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,

Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
      O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

     
Auch in Herbstbild liegt die Luft still wie unter einer Glocke, auch hier sind Lebensprozesse an einen Wende-, sind Wachstums- und Reifeprozesse an einen Endpunkt gelangt: Von den Bäumen lösen sich die Früchte. Die Geräusche des Fallens sind die Musik zu einer Erntefeier, die sich die Natur selber gibt. Erntearbeit der Pflücker kommt nicht ins Bild; es ist die lösende Kraft der Sonne, die hier Lese hält. Definiert man Szenen einer unschuldsvollen und in sich glücklichen Welt als Idyllen, so ist Herbstbild eine Idylle. Vot dem anderen Wendepunkt, wo die Melanchol i e des Absch i eds und die Trauer des Vergehens einsetzen oder das »Herbstgefühl« der Vergänglichkeit Schwermut weckt, hält dieses Herbstbild inne.
      Der Vers beider Gedichte ist der fünfhebige Jambus, der als Blankvers im Drama Shakespeares, der deutschen Klassiker und auch Hebbels kanonisch wurde. Aber er nimmt in keinem der Gedichte die Gemessenheit und Getragenheit des Tragödienverses an. Die strophische Gliederung, die Reimanordnung und die syntaktisch-rhythmischen Variationen, die Wortmelodie aus Reimen und Assonanzen und das Echospiel der tönenden Vokale geben den Gedichten eine lyrische Gelöstheit, die wohl kein Leser vermuten würde, der bis dahin nur den grüblerisch bohrenden Dramatiker Hebbel kennen gelernt hat.
      Hebbels lyrisches Geschwisterpaar reizt den Leser nicht zuletzt dutch ein leises Irritieren der Erwartung, durch das Ausbleiben der gewohnten Attribute.

     
Sommerbild wartet mit keiner Welt in schwellender Blüte, Herbstbildweder mit dem Lob des Genießens noch mit der Trauer des Abschieds auf. Die Gedichte verweigern sich den Stimmungs- und Gefühlsklischees. Für seine dramatischen Handlungen hat Hebbel oft die Epochen welthistorischer Krisen und Zeitenwenden gewählt. An Wendepunkte jahreszeitlichen Naturgeschehens führen die Gedichte.
     

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