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Heinrich Heine (I797-I856): Ich hatte einst ein schönes Vaterland - Sprache als Vaterland



Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

      Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.

      Es war ein Traum.
      Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch

das Wort: »Ich liebe dich!«
Es war ein Traum.

     
Ein Exilgedicht, ein Liebesgedicht, ein Gedicht über die Heimatsprache. Heine schrieb es in der frühen Zeit seiner Pariser Emigration . Es ist unter den Versen, die er zunächst in der Gruppe Träumereien, dann unter dem Titel In der Fremdezueinander stellte, das schönste, nämlich das wortkargste und sinnreichste. Man merkt, was Heine dem deutschen Volkslied verdankt, seiner Innigkeit und Schlichtheit — seiner Süße; und man sieht, wie dieser Rohstoff durch seine Sprachraffinerie gegangen ist.
      Natürlich muss man auf der Hut sein. Seine Lobrede kann auch Spottrede sein, seine Bonhomie Ironie; oft sind seine Schalmeienklänge Sirenengesänge. Zumal Teutonisches ist nie vor seiner Davidsschleuder sicher. So hat er nicht nur einmal den Eichenbaum, wenn er ihn als Symbol germanischen Kraftprotzen-tums verstand, satirisch gefällt.
      Heine wendet die Ironie auch gegen sich selbst. So setzt der Schluss eines 1839 entstandenen Gedichts die erste Strophe unseres Textes ins Zwielicht. Es ist dort »Schildas teurer Eichenhain«, in dem sich der Dichter so wohl fühlte und wo er seine »zarten Reime« aus »Veilchenduft und Mondenschein« wob. Schiida? Das ist natürlich ein Wortsignal für Abstand. Und doch unterläuft auch dort Sympathie die ironische Abwehr.
      In unserem Text ist dem Dichter das »schöne Vaterland« zu einem »Traum« geworden. Freilich meint Traum hier nicht einfach das Unwirkliche. »Traum« steht für einen Zustand zwischen »traumhaftem« Glück und Glück als bloßem Traum. Jedenfalls ist das Vaterland in diesem Gedicht der Wehmut, des Heimwehs, tatsächlich würdig.
      Was Heimat bedeuten kann, fasst die zweite Strophe im Kuss und im Wort der Geliebten zusammen. Vor allem hier offenbart sich Heines Verskunst. Durch den Satzeinschub in Klammern wird die Volkslieddiktion rhythmisch aufgebrochen und die Erwartung wirkungsvoll zum entscheidenden Wort »Ich liebe dich!« hingehalten. Keine andere Sprache, so gibt der Dichter zu verstehen, hat ein angemesseneres Wort für Zärtlichkeit als die Heimatsprache; sie eben ist die Sprache der Zärtlichkeit.
      Aber noch tiefere Beziehungen zu dieser Sprache deuten sich an. Heine ist Jude, ist im doppelten Sinne »heimatlos«. Dem Exil ging das »innere Exil« des jüdischen Außenseiters voraus. Nur in der deutschen Sprache konnte er eigentliche Heimat finden. So schreibt schon der frühe Heine, der Bonner Student, im Aufsatz Die Romantik »das deutsche Wort« ist »unser höchstes Gut«, ein »Freiheitswecker«, ist »ein Vaterland selbst demjenigen, dem Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern«.
      Ein Vaterland in diesem Sinne ist dem Dichter die deutsche Sprache geblieben. Und viele der Verfolgten, die im 20. Jahrhundert vom Hitlerregime ins Exil getrieben wurden, zumal jüdische, haben berichtet, wie sehr sie gerade in Versen Heines ihre eigenen Empfindungen ausgedrückt fanden. So bleibt bedeutende Dichtung lebendig für verwandte Erfahrungen in anderer geschichtlicher Situation.

     

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