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Georg Herwegh (I8I7-I875): An die deutschen Dichter. I840 - Lasst die Harfen uns zertrümmern!



An die deutschen Dichter. 1

  

   Seid stolz! es klingt kein Gold der Welt
Wie eurer Sairen Gold;

Es ist kein Fürst so hoch gestellt,
Daß ihr ihm dienen sollt!

Trotz Erz und Marmor stürb' er doch,
Wenn ihr ihn sterben ließet;

Der schönste Purpur ist annoch
Das Blut, das ihr als Lied vergießet!

Der Ruhm der Herrscher wird verweht
Lobpreis' ihn, wer da will!

Man jagt und spornt ihn, doch er steht
Mit ihrem Herzen still.
      O laßt sie donnern fort und fort!
An ihrem Grab verhallt es.
      Ihr Dichter, sprecht ein grollend Wort,
Und zu dem ew'gen Gotte schallt es.

      [..., Strophe 3 und 4]
Hoch, Sänger, schlage euer Herz,

Wie Lerchen in der Luft!
Es ruht sich besser allerwärts,

Ais in der Fürstengruft.
      Ein Liebchen, das die Treue bricht,

Ist überall zu finden;
Verschmähet mir die Ringe nicht,

Doch laßt euch nie an Ketten binden!
Dem Volke nur seid zugetan,

Jauchzt ihm voran zur Schlachr,
Und liegr's verwundet auf dem Plan,

So pfleget sein und wacht!
Und so man ihm den letzten Rest

Der Freiheit will verkümmern,
So haltet nur am Schwerte fest,

Und laßt die Harfen uns zertrümmern!

Der Aufruf an die deutschen Dichter, zuerst 1840 erschienen, ist aufgenommen in die Gedichte eines Lebendigen , mit denen Herwegh über Nacht berühmt wurde. Diese Sammlung hat wesentlich beigetragen zur Blüte politischer Lyrik in der Vormärzzeit; das Gedicht ist einer der programmatischen Texte zur Poetik des politischen Lieds. Auf die Szene »Auerbachs Keller in Leipzig« anspielend, macht Heinrich Hoffmann von Fallersieben im Lied aus meiner Zeit das klassisch-romantische Dichtungsverständnis, die Absage an politische Poesie, lächerlich: »Ein politisch Lied, ein garstig Lied! / So dachten die Dichter wie Goethe'n / Und glaubten, sie hätten genug gethan, / Wenn sie könnten girren und flöten / Von Nachtigallen, von Lieb und Wein ...« Entschlossener, aggressiver ruft Herwegh die Dichter zu »Schwert« und »Schlacht«.
      Der Dichter wird also als eine Art Schlachtensänger nach dem Vorbild des griechischen Dichters Tyrtaios gesehen. »Du singst wie einst Tyrtäus sang, / Von Heldenmut beseelet«, redet Heinrich Heine in den Zeitgedichten ironisch einen »politischen Dichter« an und meint gewiss auch Herwegh. Tatsächlich verrät das Gedicht An die deutschen Dichter die Fragwürdigkeit einer kämpferischen Rhetorik, die sich ihrer Grenzen nicht bewusst ist.
      Kraftvoll beginnt das Gedicht mit dem Aufruf zu Stolz vor Fürstenthronen. Aber dann stellt sich sofort Selbstüberschätzung bloß. Die Gleichsetzung des Lieds mit dem Blut der tödlichen Wunde, an der Fürsten sterben, mit dem politischen Attentat, offenbart das Papierene der Drohung. Diese Lyrik glaubt, durch Worte töten zu können. Zwei Arten von politischer Dichtung unterscheidet die nächste Strophe, das vergängliche Fürsten- oder Herrscherlob und die Fürstenkritik, der Ewigkeitswert bescheinigt wird. Herwegh erkennt also Rang nur der oppositionellen Dichtung zu.
      Die letzte Strophe ballt noch einmal die Stichwörter der kämpferischen Appelle und spitzt zugleich die Poetik des Freiheitsliedes zu einer revolutionären Forderung zu: »... laßt die Harfen uns zertrümmern!« Leier und Harfe galten seit jeher als Symbole der Lyrik; mit dem Aufruf zur Zerstörung wird der lyrischen Tradition überhaupt der Abschied gegeben: Die lyrische Rede soll Handlung sein.
      Dass Wort und Tat identisch werden, ist Antrieb und Credo schon der Befreiungskriegsdichtung, wird Bild im Titel von Theodor Körners Gedichtsammlung Leier und Schwert , ja ist Devise schon des deutschen Jakobiners Friedrich Rebmann: »Laßt uns Gedichte thun, nicht dichtend . Mit der Zertrümmerung der Harfe schafft Herwegh der alten Losung nur ein schlagkräftiges Bild.
      Wie leicht aber die Gleichsetzung von Wort und Tat auch zu deren Verwechslung führen kann, hat schon die erste Strophe von Herweghs Gedicht gezeigt. Auf sein Bild der Lerche spielt Heines skeptisches Gedicht An Georg Herwegh an:

An Georg Herwegh

Herwegh, du eiserne Lerche,
Mit klirrendem Jubel steigst du empor

Zum heiligen Sonnenlichte!
Ward wirklich der Winter zu nichte?

Steht wirklich Deutschland im Frühlingsflor?
Herwegh, du eiserne Lerche, Weil du so himmelhoch dich schwingst, Hast du die Erde aus dem Gesichte Verloren - Nur in deinem Gedichte Lebt jener Lenz, den du besingst.
      Auf die Erde zurückgeholt wird hier ein Freiheitssänger, der sich tatsächlich mit dem Gedicht An den König von Preußen der Selbsttäuschung hingegeben hatte, er könne Friedrich Wilhelm IV auf seine Seite ziehen. Illusionismus aber verraten schon die bramarbasierenden Wortgebärden im Aufruf an die deutschen Dichter. 1840. Nicht vergessen wird man andererseits, dass Georg Herwegh später selbst vor gefährlichem Illusionismus warnte, in der Kritik an nationaler Selbstüberhebung nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Reichsgründung von 1871.
     

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Georg  Herwegh  (I8I7-I875):  An  deutschen  Dichter.  I840  -  Lasst  Harfen  uns  zertrümmern!    


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