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August Graf von Platen (I796-I835): Venedig liegt nur noch im Land der Träume ... Nur noch im Land der Träume?



Zur poetischen Ausbeute, mit der Platen von seiner ersten Italienreise im Jahre 1824 zurückkehrte, gehören die Sonette aus Venedig. Sie signalisieren schon Pla-tens Übersiedlung nach Italien im Jahre 1826. Der aus einer verarmten adligen Familie stammende Autor, der dem Bayerischen Königshaus vier Jahre als Page gedient, in Würzburg und Erlangen studiert und für kurze Zeit im Brotberuf eines Bibliothekars ausgeharrt hatte, ging nach Italien wie ins Exil. Trotz seiner aristokratischen Herkunft republikanisch gesinnt, verstand er sein Ausweichen nach Italien als eine Flucht aus der politischen Stickluft der Restaurationszeit. Seine Ideen von Freiheit und Menschenwürde vertrat er am ausdrücklichsten in den Polenliedern, die ihn ganz auf der Seite des polnischen Kampfes gegen die russische Unterdrückung zeigen. Erst 1839, vier Jahre nach PlatensTod, konnten die Polenlieder'm Straßburg erscheinen.
      Auch das folgende Sonett ist durchdrungen vom republikanischen Geist:
Venedig liegt nur noch im Land der Träume Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen, Es liegt der Leu der Republik erschlagen, Und öde feiern seines Kerkers Räume.
      Die eh'rnen Hengste, die durch salz'ge Schäume Dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen, Nicht mehr dieselben sind sie, ach! sie tragen Des corsican'schen Überwinders Zäume.
      Wo ist das Volk von Königen geblieben, Das diese Marmorhäuser durfte bauen, Die nun verfallen und gemach zerstieben?
Nur selten finden auf des Enkels Brauen Der Ahnen große Züge sich geschrieben, An Dogengräbern in den Stein gehauen.
     
Platen beklagt den Niedergang der Republik Venedig als den Untergang einer Goldenen Zeit. Der geflügelte Löwe, das Tier des Evangelisten Markus und, seit dessen Gebeine in Venedig ruhten, das Wahrzeichen und Wappen der Stadt, hat seine alte Symbolkraft eingebüßt. Das antike Viergespann über dem Portal der Markuskirche, 1204 vom Dogen Dandalo aus Konstantinopel nach Venedig gebracht, war 1797 von Napoleon nach Paris verschleppt worden. Zwar hatte Kaiser Franz

II.

die Siegesbeute 1815 nach Venedig zurückführen lassen, aber Venedig musste sich, mit der Lombardei zum Lombardisch-Venetianischen Königreich vereinigt, der österreichischen Herrschaft beugen, die erst mit dem Jahre 1866 endete. Wirtschaftlich war Venedig um 1824 seines alten Reichtums und seiner politischen Macht im Raum des Adriatischen Meeres beraubt. Dem Zerfall der Prosperität entspricht für den Besucher Platen der Zustand der Häuser und Paläste, »die nun verfallen und gemach zerstieben«.
      Den politischen Idealzustand der Republik umschreibt Platen im Bild des »Volks von Königen«, das auf die schon im Mittelalter begründete Verfassung gemünzt ist: Verwaltet wurde der Staat von einem Präsidenten oder Dogen, der nicht ohne den Willen einer Reihe edler Familien regieren konnte, aber auch an die Zustimmung des Volkes gebunden blieb . So stehen, in Platens Sicht, der ruinöse Zustand der Stadt und das Verschwinden des »Volks von Königen« in einem Wechselverhältnis. Züge von Größe findet er nur noch in den Physiognomien der Köpfe auf den Grabmälern.
      Die Form dieses Klagelieds, das Sonett, ist eine jener kunstvollen Gedichtformen, die Platen beherrschte, wenn auch manchmal mit etwas ausgekühlter Meisterschaft. Zu seiner Lieblingsform neben dem Sonett und zum besonderen Markenzeichen seiner Verskunst wurde das Ghasel, eine aus dem Arabischen kommende Form, die jeden zweiten Vers mit demselben Reim enden lässt und leicht eintönig wirkt. Geläufiger ist uns das Sonett und gerade in diesem Venedig-Sonett gelingt es Platen, die Disziplinierung, die das Sonett dem Dichter aufnötigt, und den unmittelbaren Ausdruck der Klage miteinander in Einklang zu bringen.
      Beim Versuch, das Gedicht zu verstehen, lässt sich von der historischen Situation, in der es entstanden ist, und von der dem Autor eigenen Perspektive nicht absehen. Und doch drängt sich uns Heutigen eine weitere Lesart des Textes auf. Die demokratische Verfassung hat inzwischen die Klage über den Zerfall der republikanischen Ordnung historisch überholt. Aber noch unheimlicher erscheint die Zukunft der »Marmorhäuser«, noch bedrohlicher nagt das Wasser an den Grundfesten Venedigs, immer realer wird die Vision einer sterbenden Stadt. Näher gerückt scheint die Wahrheit dessen, was im ersten Vers des Sonetts noch metaphorisch gemeint ist: »Venedig liegt nur noch im Land der Träume.«

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