Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Die deutsche Sprache gewinnt Eleganz
» Der Liebsten Augenschein - Martin Opitz (I597-I639): Jetzund koempt die Nacht herbey

Der Liebsten Augenschein - Martin Opitz (I597-I639): Jetzund koempt die Nacht herbey



Jetzund kompt die Nacht herbey / Vieh und Menschen werden frey / Die gewünschte Ruh geht an; Meine Sorge kompt heran.
      Schone glänzt der Mondenschein; Und die güldnen Sternelein; Froh ist alles weit und breit / Ich nur bin in Trawrigkeit.
      Zweene mangeln überall An der schonen Sterne Zahl; Diese Sternen die ich meyn' Ist der Liebsten Augenschein.
      Nach dem Monden frag' ich nicht / Tunckel ist der Sternen Liecht; Weil sich von mir weggewendt Asteris / mein Firmament.
      Wann sich aber neigt zu mir Dieser meiner Sonnen Zier / Acht' ich es das beste seyn / Das kein Stern noch Monde schein.
      »Vater der deutschen Dichtung« nannte man Martin Opitz, den Autor des Buches von der deutschen Poeterey . Und zu welcher grazilen Leichtigkeit sich die deutsche Sprache, die sich gegen die neulateinische Dichtung durchzusetzen hatte, bei Opitz schon entwickelt hat, zeigt dieses Gedicht. Obwohl es in Reimpaarversen steht, deren Endreime Schlag auf Schlag einander folgen und deshalb schnell Monotonie erzeugen könnten, sorgt der vierhebige Trochäus mit »männlichem« Ausgang für einen tänzerischen Takt. Die einzelnen Strophen spielen mit Gegensätzen und mit dem Unterschied zwischen direktem und übertragenem Wortsinn .
      Als Liebesgedicht könnte sich der Text in die von der Antike ausgehende Überlieferung der anakreontischen Dichtung stellen, die im 16. und 17. Jahrhundert zumal in Frankreich lebendig war. Aber die zentralen Motive der Augen und des Liebesschmerzes deuten auf eine andere europäische Tradition der Liebesdichtung, den Petrarkismus. Diese an Petrarca, den italienischen Dichter der Frührenaissance, sich anschließende Stilrichtung normiert die Liebessprache und Liebesklage nach bestimmten rhetorischen Formen und einer Typologie des Frauen- und Schönheitspreises, in der den Augen die Hauptrolle, die Bedeutung eines Fixsterns zukommt.
      Eines der in Europa bekanntesten Sonette aus Petrarcas Canzoniere, Sonett Nr. 132, ist von Opitz unter dem Titel Francisci Petrarchae übersetzt worden. Es beschreibt die Zwiespältigkeit des Liebenden, sein Verfallensein an die Liebe, trotz des Schmerzes, und zum Schluss seine Ratlosigkeit :
Ich weis nicht was ich will / ich will nicht was ich weis: Im Sommer ist mir kalt / im Winter ist mir heiß. Wird auch die Liebe zur quälenden Tyrannin, eine Befreiung vonihr wünscht der Liebende nicht.
      Im Gedicht Jetzund kömpt die Nacht herbey erfährt der Liebende Erleichterung in seiner Traurigkeit durch die Hoffnung auf erneute Gunst der Geliebten. Alle Himmelslichter werden überflüssig, ja unpassend sein, wenn sich Asteris , die seine Sonne ist, mit ihren Augen wieder ihm zuwendet.
      Über dem Grundstock weniger Wörter aus dem Bildfeld der Gestirne entfaltet sich eine Kette kunstvoller Bedeutungskombinationen. Liebe ist hier offenbar kein Aufruhr der Seele, die Sprache kein Seismograph feinster Empfindungen, Liebe ist Anlass zu geistreichen Gedanken- und Wortspielen. Aber ungerecht wäre es, dem Liebesgedicht deshalb mangelnde Tiefe vorzuwerfen. Geachtet werden will der artistische Grundzug des Gedichts, bewundert werden die poetische Virtuosität.

     

 Tags:
Der  Liebsten  Augenschein  -  Martin  Opitz  (I597-I639):  Jetzund  koempt  Nacht  herbey    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com