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Das Sonett lernt tanzen - Sibylla Schwarz (I62I-I638): Liebe schont der Gotter nicht



Liebe schont der Götter nicht / sie kan alles überwinden / sie kan alle Herzen binden / durch der Augen klahres Licht.
      Selbst des Phebus Hertze bricht / seine Klahrheit muß verschwinden / er kan keine Ruhe finden / weil der Pfeil noch in ihm sticht.
      Jupiter ist selbst gebunden /
Hercules ist überwundendurch die bittersüsse Pein; — wie dan können doch die Herzen bloßer Menschen dieser Schmerzen gantz und gahr entübrigt seyn?
Unter allen Meteoren der deutschen Literatur verglüht einer besonders rasch: die Lyrikerin Sibylla Schwarz. Ihr Leben erreicht nicht einmal die Dauer des Kriegs, der ihre Epoche überschattet - gerade siebzehneinhalb Jahre wird sie alt. Wer aber ist Sibylla Schwarz? Die Literaturgeschichten, auch die der Frauenliteratur, haben, wenn überhaupt, einen Nebensatz für sie; ganzer Gedichte nehmen sich erfreulicherweise neuere Anthologien an. Sie lebte von 1621 bis 1638 in der Seestadt Greifswald, die ihr Vater eine Zeit lang als Bürgermeister durch den Dreißigjährigen Krieg steuerte, und es passt in das unglückliche Bild ihres kurzen Daseins, dass sie am Hochzeitstag ihrer Schwester starb. Sie hat Poetiken und Dichtungen ihrer Zeit studiert und ist offenbar bei dem Versmeister Martin Opitz in die Schule gegangen. Kann dabei überhaupt mehr herausgekommen sein als Gymnasiastenpoesie?
Und ob! Zwölf Jahre nach ihrem Tod erscheint in Danzig, aus den Handschriften herausgegeben, »Sibyllen Schwarzin Vohn Greiffswald aus Pommern / Ander Teil Deutscher Poetischer Gedichten«. Deren bester Teil braucht den Vergleich mit Versen der gerühmten Zeitgenossen nicht zu scheuen. Die junge Dichterin hält sich an bevorzugte Formen des Jahrhunderts wie Sonett und Ode und an Lieblingsthemen wie Liebe, Freundschaft oder Geselligkeit. »ISt Lieb ein Feur / und voller Liebes Pein«, beginnt eines ihrer Sonette; Wahre Freundschaff ist beständiglautet der Titel eines Gedichts in Reimpaarversen. Vieles entrichtet den Konventionen der Poetik seinen Tribut. Ein kleines Formwunder unter den Texten der Zeit aber ist das hier ausgewählte Gedicht.
     
Oft sind Barockgedichte vollgepfropft mit gelehrten Anspielungen. Auch unser Gedicht führt Bildungsfracht mit sich, aber sie bleibt verhältnismäßig leicht. Die Beispielreihe für die Allmacht der Liebe umfasst drei römische Götternamen, hinter denen man sich die griechischen denken muss: Phöbus , Jupiter und Hercules . Mit seiner nicht eben erfolgreichen Leidenschaft verfolgt Phöbus Daphne; ihn traf Cupidos Pfeil. Die Liebesobsessionen Jupiters/Zeus' sind geradezu sprichwörtlich, und Hercules/ Herakles, mit Deianeira verbunden, liegt in »Joles Banden«. Alle Figuren fand man in Ovids Metamorphosen, die damals zur Gebildetenlektüre gehörten. Unwahrscheinlich wohl ist, dass die Dichterin auf das Verhängnis anspielt, das Herakles ereilt, als er sich mit dem von Deianeira mit einem Liebeszauber bestrichenen Gewand das Fleisch vom Leibe reißt . Doch widerfährt eben selbst den Göttern die »bittersüße Pein«. Warum also klagen, wenn auch die Götter mit der Liebe gesegnet und geschlagen sind?
Nicht diese tröstlich-heitere Botschaft selbst aber entzückt uns so sehr, sondern die geschmeidige Form, in der sie uns geboten wird. Das im 17. Jahrhundert beliebte Sonett ist mit seinen zwei Quartetten und zwei Terzetten eine überaus strenge Form. Der von Opitz in Deutschland eingebürgerte sechshebige Alexandrinervers mit einem Einschnitt nach der dritten Hebung sorgt für ein zusätzliches Reglement: Vers und Sonett kommen geschnürt und im Stiefelschritt der Antithesen daher. Auch unser vierzehnzeiliges Gedicht fügt sich der Sonettform, allerdings hat es die Korsettstange des Alexandriners abgeworfen, schreitet in vierhebigen Versen viel freier einher und greift im letzten Terzett über die Versschlüsse hinweg in einen größeren grammatischen und rhythmischen Bogen aus. Das Liebesthema bekommt Luft, es atmet frei.
      Hier entsteht im schweifenden Rhythmus und in der fast spielerischen Reimfolge der Terzette eine lebendige Gangart der Verse, die wir erst ein gutes Jahrhundert später in der Liebesdichtung eines Friedrich von Hagedorn und natürlich dann beim jungen Goethe finden. Wirklich ein Ereignis: In der Dichtung eines nicht einmal achtzehnjährigen Mädchens hat das Sonett tanzen gelernt.
     

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