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Wolf Biermann (geb. I936): Ballade vom preußischen Ikarus



Partisan zwischen den Parteien

BALLADE VOM PREUSSISCHEN IKARUS
Da, wo die Friedrichstraße sacht Den Schritt über das Wasser machtda hängt über der Spree Die Weidendammerbrücke. Schön Kannst du da Preußens Adler sehnwenn ich am Geländer stehdann steht da der preußische Ikarus mit grauen Flügeln aus Eisengußdem tun seine Arme so weh er fliegt nicht weg - er stürzt nicht ab macht keinen Wind - und macht nicht schlappam Geländer über der Spree
Der Stacheldraht wächst langsam ein Tief in die Haut, in Brust und Beinins Hirn, in graue Zelln Umgürtet mit dem Drahtverband Ist unser Land ein Insellandumbrandet von bleiernen Welln
Da steht der preußische Ikarus mit grauen Flügeln aus Eisengußdem tun seine Arme so weh er fliegt nicht weg - er stürzt nicht ab macht keinen Wind - und macht nicht schlappam Geländer über der Spree
Und wenn du wegwillst, mußt du gehen Ich habe schon viele abhaun sehen aus unserm halben Land Ich halt mich fest hier, bis mich kalt Dieser verhaßte Vogel kralltund zerrt mich übern Randdann bin ich der preußische Ikarus mit grauen Flügeln aus Eisengußdann tun mir die Arme so weh dann flieg ich hoch — dann stürz ich ab mach bißchen Wind - dann mach ich schlappam Geländer über der Spree
Warum nimmt die mythische Gestalt des Ikarus so viel mehr als die seines Vaters Daedalus unsere Einbildungskraft gefangen, warum der kühne, aber den väterlichen Rat missachtende und abstürzende Sohn mehr als der Erfinder der künstlichen Flügel, dem das Experiment und damit die Flucht aus dem kretischen Labyrinth übers Meer gelingt?
Weil der Erfolgreiche zwar unsere Bewunderung, aber der Scheiternde unser Mitgefühl erregt? Weil uns das Unvollkommene mehr anrührt als das Perfekte? Weil wir uns - auch oder gerade in einer Zeit, da die Erde von einem dichten Flugnetz überzogen ist — mit der Unsicherheit unseres Daseins eher in Ikarus als in Daedalus wiedererkennen?
Wolf Biermann stellt in einem der Vorworte seines Lieder- und Gedichtbandes Preußischer Ikarus die Frage ähnlich, und die Ballade ist seine Antwort. Der Anlass zur Entstehung der Strophen mag äußerlich sein, die Selbstidentifikation Biermanns mit Ikarus ist es nicht. Ein Freund, so berichtet er, hatte ein Foto geschossen, das ihn vor dem gusseisernen preußischen Adler zeigt, der auf der Weidendammer Brücke in Berlin das Ende des Staates Preußen überdauerte. Dieses Foto, auf der vorderen Einbandseite des Buches abgedruckt, erweckt für einen Augenblick den Eindruck, als wüchsen die herabhängenden Flügel des Adlers aus den Schultern Biermanns. Immerhin gab diese »halbalberne Szene« die Anregung zur Ballade.
      Worin für Biermann die Entsprechung zur Situation des im Labyrinth gefangenen Ikarus besteht, bleibt nicht zweifelhaft: Wie Kreta ist die DDR ein »Inselland«, freilich nicht von Meereswellen »umbrandet«, sondern »umgürtet« von Draht und Gewehrläufen. Das Eingezäuntsein ist zur zweiten Natur der Menschen geworden, der Stacheldraht schneidet tief in das Denken der Menschen ein. Darin wird eine Hinterlassenschaft jenes Geistes gesehen, für den hier der preußische Adler steht — eine Hinterlassenschaft, die auch Bertolt Brecht beobachtet hatte: »Gewohnheiten, noch immer«, überschrieb er eine seiner Buckower Elegien. Den Kommandoruf »Zum Essen!« kommentiert er: »Der preußische Adler / Den Jungen hackt er / Das Futter in die Mäulchen.«

Biermann ahnt, dass ihn der »verhaßte Vogel« irgendwann einmal in seine Krallen nimmt und zu einem zweiten Ikarus werden lässt. Der Schluss der Ballade ist Vorausschau auf den Absturz. Dieser Schluss aber las sich anders nach Biermanns Ausbürgerung aus der DDR im Jahre 1976. Von seiner »Furcht vor einem Absturz eines Tages« hatte er gesprochen. »Eines schlimmen Tages im Westen. Falls ich im Westen leben müßte, das wußte ich, würde ich nie wieder eine Zeile schreiben«. Diese Befürchtung erwies sich als unbegründet.
      Obwohl exiliert, war der nach Hamburg Zurückgekehrte doch, mit einem Paradox Heinrich Bölls zu sprechen, »ein In-die-Heimat-Vertriebener«, und der Liedermacher dachte nicht daran, im Westen stumm zu bleiben. Im Gegenteil, er hat es mit seinen Interviews und seinen Songs und Balladen fertig gebracht, sich in alle Nesseln zu setzen. Der unverbesserliche Kommunist, Sohn eines in Auschwitz umgekommenen jüdischen Werftschlossers, ließ sich von den Schmähungen und Drohungen der äußersten Rechten nicht einschüchtern und von keiner Gruppe der zerstrittenen Linken zur Galionsfigur machen. Er war der Partisan zwischen den Linien der Parteien und ihrer Dogmen.
      Für den Freiheitssänger Georg Herwegh fand Heinrich Heine, einer der literarischen Wahlväter Biermanns neben Francois Villon und Bertolt Brecht, das ironische Bild der »eisernen Lerche«, die »himmelhoch« sich schwingt, aber »die Erde aus dem Gesichte« verliert. Der Liedermacher Biermann, entschlossen, die Freiheit der individuellen Mündigkeit zu behaupten, behält als Ikarus die Erde im Auge — auch die Möglichkeit, abzustürzen, zu scheitern.
     

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