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Volker Braun (geb. I939): Das Eigentum - Die Hoffnung - eine Falle



Der Text von 1990 ist wohl das eindringlichste Klage- und Selbstanklagegedicht zur politischen »Wende« von 1989/90, ein Dokument der Zerrissenheit. Volker Braun, ein Autor der DDR, der den »Arbeiter- und Bauernstaat« nie auf der Höhe seiner Möglichkeiten sah und sich auch durch Zurechtweisungen im eigenen Land nicht von seiner Kritik abbringen ließ, konnte - wie Christa Wolf oder Heiner Müller - eine Zwitterexistenz führen. Er wurde in der DDR wie in der Bundesrepublik gedruckt, auf den Bühnen gespielt und mit Literaturpreisen bedacht; er war in Zeiten der Trennung ein »gesamtdeutscher« Autor.


      Das Eigentum
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÃoTTEN FRIEDE DEN PALÃ"STEN: Ich selber habe ihm den Tritt versetzt. Es wirft sich weg und seine magre Zierde. Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst. Und unverständlich wird mein ganzer Text. Was ich niemals besaß, wird mir entrissen. Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle. Wann sag ich wieder mein und meine alle.
      Mauer und Stacheldraht zwischen den beiden Teilen Deutschlands sind niedergerissen, aber der Autor ist verbittert: »mein Land geht in den Westen«. Steckt in der Bitterkeit nicht auch Ungerechtigkeit? Nehmen nicht die Normalbewohner seines Landes nur wahr, was ihm, als »Mauerspringer«, schon lange offen stand? Sieht sich hier jemand um seine Privilegien gebracht? Liegt in der Verachtung nicht auch Heuchelei?
Solchem Verdacht begegnet der dritte Vers, die Selbstanschuldigung. Tatsächlich hat die Kritik aufgeklärter Bürger zum Ende der DDR beigetragen. Aber müssen sich die Mündigen jetzt als Totengräber fühlen? Wie ernst die Selbstanklage gemeint ist, bekundet die Komposition des Gedichts: Der dritte Vers ist eine Waise, bleibt unter den Reimpaaren der einzige Vers ohne Reimentsprechung; die Dissonanz wird zum Mitausdruck der Zerrissenheit.
      Den tieferen Grund der Enttäuschung deutet, in der vorhergehenden Zeile, die Umkehrung eines bekannten Zitats an, des Mottos, das Georg Büchner in Anlehnung an eine Parole der Französischen Revolution seiner Flugschrift Der Hessische Landbote voranstellte: »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« So erklärt Volker Braun die Entscheidung seiner Landsleute für den Westen als Widerrufung der sozialen Revolution, ja als Selbstentwürdigung und als Preisgabe dessen, was immerhin Anlass zu Stolz sein könnte .
      Und noch einmal greift Brauns Entlarvungsabsicht zu einem Zitat. Die Anspielung auf einen Monolog in Shakespeares RichardI

II.

, auf Glosters Eingangsverse , kehrt wiederum den Sinn des Textes um und dient so zur Abstrafung des Ausbruchsverlangens als »Begierde« .Als einen Leerausgehenden bedauert Braun sich selbst mit der sprichwörtlichen Wendung »bleiben wo der Pfeffer wächst«.
      Allerdings ist der Schriftsteller in gewissem Sinne tatsächlich ein Geschädigter. Was in der historischen Situation des geteilten Deutschlands und der SED-Diktatur in seinen Texten sich tarnte und zwischen den Zeilen mitgelesen werden musste, hat jetzt seine Sinnvielfalt verloren. Verloren gegangen ist dem Autor aber auch, was ihn in der DDR zurückhielt: die Erwartung eines besseren, nur auf die Zukunft vertagten Zustands. Deshalb wurde ihm die Hoffnung zur Falle.
      Welches Eigentum ihm von der »Kralle«, die wohl die Kralle des Kapitalismus sein soll, entrissen wurde, bleibt ungeklärt. Ist es sein Anteil am »Volks«- oder Gemeineigentum? Auf jeden Fall wohl ein geistig-materielles Eigentum, das er mit allen teilen möchte - ein Eigentum im Sinne einer vorerst oder scheinbar verabschiedeten sozialen Idee.
      Dieses Gedicht, so problematisch es in manchen seiner Schlussfolgerungen sein mag, ist das prägnante Zeugnis eines von Selbstzweifeln Zerspaltenen und eines heimatlos Gewordenen. Es hält jene Zwischenlage fest, in die viele kritische, aber nicht bis zur Abtrünnigkeit gehende Intellektuelle der DDR mit der »Wende« gerieten. Resignation kommt auf, aber keine Wehleidigkeit. Mit der Reihung knapper und bündiger Sätze, die sich der klaren Schrittfolge der Reimpaarverse einfügen, wirkt das Gedicht wie ein gemeißelter Block. Am Ende wird, wie zuvor einmal durch die Waise, die Paarreim-Ordnung durch einen dreifachen Reim durchbrochen. Und dem zur Verstärkung herbeigerufenen Reim bleibt das Signalwort des Gedichtes vorbehalten: »alle«.
     

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Volker  Braun  (geb.  I939):  Das  Eigentum  -  Die  Hoffnung  -  eine  Falle    





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