Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Dichtung im Schatten der Mauer
» Uwe Kolbe (geb. I957): Hineingeboren - Stacheldrahtlandschaft

Uwe Kolbe (geb. I957): Hineingeboren - Stacheldrahtlandschaft



Am Prenzlauer Berg in Berlin wuchs Uwe Kolbe auf und Johannes Bobrowski war einer seiner väterlichen Freunde. Hineingeboren - den Titel des Gedichts trägt auch die Sammlung von 1980, sein erster Band überhaupt. Hineingeboren ist Kolbe in die DDR. Er ließ sich nicht als Jubelpoet missbrauchen. Andererseits ließ die Zensur dem jungen Lyriker manches durchgehen, so Gedichte über eine Gewaltbereitschaft, die keineswegs—wie es das Dogma der SED lehrte — auf dem Nährboden des kapitalistischen Systems gewachsen war. Kolbe selbst klagt sich an: »Einmal / wollte ich / der kranken Mutter an die Gurgel / Ich bin achtzehn. / Im Sozialismus aufgewachsen. / Hab keinen Krieg erlebt.«


Die Konterbande, die Kolbes in der DDR entstandenen Gedichte mit sich führten, war ein unangepasstes Lebensgefühl, das sich allen optimistischen Spruchbandparolen widersetzte und das Vokabular der Gegenwartsverklärung und der Zukunftssicherheit mied. So ist auch die erste Strophe des Gedichts Hineingeboren kein Zeugnis eines beglückenden Landschaftserlebnisses. Und wenn, dann nur die Bezeugung einer halben Wahrheit.
      Hineingeboren

Hohes weites grünes Land,zaundurchsetzte Ebene.
      Roter

Sonnenbaum am Horizont.
      Der Wind ist meinund mein die Vögel.

      Kleines grünes Land enges,
Stacheldrahtlandschaft.

      Schwarzer
Baum neben mir

Harter Wind.
      Fremde Vögel.
      Das Gedicht handelt von einer Teilung, spricht von einem geteilten Land und es stellt nicht etwa die Bundesrepublik Deutschland der DDR gegenüber. Wie Kolbe kein Hofdichter der Diktatur war, so ist er auch kein Lobredner des Westens gewesen oder geworden. Das geteilte Land des Gedichts ist die DDR selbst, aber sie ist es nur auf Grund der Teilung Deutschlands nach dem Krieg.
      In der ersten Strophe vollzieht sich eine poetische Besitznahme. Das dichterische Ich sieht oder entwirft eine schöne Landschaft und eignet sie sich zu. Ob es eine wahrgenommene oder virtuelle Landschaft, ob Wirklichkeit oder Möglichkeit ist, bleibt unentschieden. Doch verweist die Ansammlung optimaler Eigenschaften eher auf eine ideale oder gleichnishafte Landschaft. Auf jeden Fall skizziert die erste Strophe ein Land, das der Hineingeborene sein Eigen nennen kann.
      Vielleicht fällt die Entgegensetzung in der zweiten Strophe etwas zu direkt aus . Doch tritt nur so die Spaltung des Landes in sich selbst mit der nötigen Schärfe hervor. Denn was die zweite Strophe zeigt, ist die Entfremdung einer Landschaft von ihrer Wohlgestalt, ist auch die menschliche Erfahrung der Fremdheit im eigenen Land.
      Taugt Arkadien, der Traum von der völligen Harmonie zwischen Mensch und Natur, zum Gegenbild des stacheldrahtbewehrten Landes? Müsste der verratenen gesellschaftlichen Utopie nicht die unverfälschte entgegengehalten werden? Die Fragen sind falsch gestellt. Das Gedicht versucht keine Beschreibung des besseren oder gar idealen Staats. Aber es deutet an, welche Sehnsüchte angesichts einer »Stacheldrahtlandschaft« entstehen.

     

 Tags:
Uwe  Kolbe  (geb.  I957):  Hineingeboren  -  Stacheldrahtlandschaft    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com