Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Dichtung im Schatten der Mauer
» Peter Huchel (I903-I98I): Ophelia. Shakespeare-Variationen - Menschenfang

Peter Huchel (I903-I98I): Ophelia. Shakespeare-Variationen - Menschenfang



Auch nachdem Peter Huchel im Jahr 1971 mit seiner Ausreise aus der DDR die heimatliche märkische Landschaft verlassen hatte, blieb in Gedichten gegenwärtig, was den Lyriker von Anfang an in Bann gezogen und berückt, manchmal auch als Beklemmung heimgesucht hatte: die Flut der Bilder von sandigen Ebenen und der Heide, der Havel und der Seen, der Teiche und der Dörfer, des Alltags der Bauern und Fischer. In einer Reihe von Gedichten wirft die Welt Shakespearescher Tragödien lange Schatten in die kargen Naturidyllen. Umgekehrt überblenden märkische Landschaftssilhouetten die Lebenswelt Shakespearescher Figuren. So liegt die Wiese mit dem Wassergraben, an dem Huchel Hamlet in sein blasses Spiegelbild blicken lässt, eher im Havelland als in Dänemark. Im Gedicht Macbeth, im Bild »Gelichter der Heide«, verschwimmen die Szenerie des Hexenauftritts und eine nächtliche märkische Kulisse ineinander. In rauher, verlassener, unwirtlicher Gegend, in der Nähe eines Steinbruchs, haust der Alte in König Lear, er ist verletzt, denn er trägt einen »Jodlappen / um die rechte Hand gewickelt«.

      In elenden Dörfern schlug er Knüppelholz für seine Linsensuppe.
      Jetzt kehrt erim dürren Schattenzerrissener Wolkenzu seiner Kronein die Schlucht zurück.
      Shakespeares Lear geht bekanntlich aus fehlender Menschenkenntnis in die Falle der Schmeicheleien zweier Töchter, teilt sein Reich, enterbt und verstößt jedoch die in ihrer Liebe herbe, aber aufrichtige dritte Tochter; die Unbarmherzigkeit der Heuchlerinnen treibt ihn ins Elend, er irrt in Begleitung seines Narren und eines Dieners auf sturmgepeitschter Heide umher. Vom Sturm der Tragödie bleiben im Gedicht die zerrissenen Wolken, aber auch Huchels Lear lebt als Ausgestoßener. Jegliches zwischenmenschliche Band ist zerschnitten, der Vereinsamte besitzt nur noch die Krone - sein Herrschertum bleibt beschränkt auf das bloße Symbol. Die Bilder »elende Dörfer«, »Knüppelholz« und »Linsensuppe« veranschaulichen die Armseligkeit des gefristeten Daseins.
      Was macht diesen Lear zu einem Zeitgenossen Huchels oder gar zu einem versteckten Selbstporträt? Shakespeares Tragödie ist auch die Geschichte einer ungeheuerlichen Undankbarkeit. Parallelen in Huchels Biographie sind unverkennbar. Vor seiner Übersiedlung in den Westen lebte Huchel, bekannter Autor und früherer Herausgeber der international angesehenen Zeitschrift Sinn und Form, acht Jahre lang in der Isolation und unter Schikanen in Wilhelmshorst bei Potsdam - auch er das Opfer einer infamen Undankbarkeit.
      Tödliches Geschehen hält die Bildsprache des Gedichts Ophelia fest:
Ophelia
Später, am Morgen,gegen die weiße Dämmerung hin,das Waten von Stiefelnim seichten Gewässerdas Stoßen von Stangen,ein rauhes Kommando,sie heben die schlammige
Stacheldrahtreuse.

      Kein Königreich,
Ophelia,wo ein Schreidas Wasser höhlt,ein Zauberdie Kugelam Weidenblatt zersplittern läßt.
      Schon das Dänemark Hamlets war kein Königreich, wo Zauber vor der todbringenden Waffe schützte - den Vater Ophelias tötet der Degen des geliebten Hamlet. Beim Weidenbaum sucht die vom Schmerz Verstörte und Geistverwirrte den Tod im Wasser.
      Das Gedicht Huchels setzt die europäische Reihe der Ophelia-Versionen fort. Das »Wundersame«, das selbst dem Leichnam des ertrunkenen Mädchens in Brechts Gedicht noch geschieht - hier bleibt es aus. Ein Bergungstrupp sucht nach der Leiche, fühllos durchstöbern die Männer das Gewässer. Nicht in den Freitod ging Ophelia, eine Kugel tötete sie. Und »Stacheldrahtreuse« wird zum Schlüsselbild dieses Gedichts.
      Die Fanggeräte der Fischer, die Reusen, gehören zum festen Motivbestand der Lyrik Huchels. Hier aber werden in den Reusen nicht Fische, sondern Menschen gefangen. In den »Stacheldrahtreusen« verenden die Flüchtlinge, »Stacheldrahtreuse« steht als Bild für eine von Bewaffneten bewachte Grenze, wohl doch für jene Grenze, die Deutschland für Jahrzehnte teilte. Nicht umgibt - wie bei Shakespeare - die sehr persönliche Aura tragischen Wahnsinns Ophelia; in Hu-chels Gedicht ist es eine absurde politische Wirklichkeit, die ihren Tod verschuldet, der Wahnsinn einer geschichtlichen Phase, des Kalten Kriegs.
     

 Tags:
Peter  Huchel  (I903-I98I):  Ophelia.  Shakespeare-Variationen  -  Menschenfang    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com