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Heinz Czechowski (geb. I935): Am Bahndamm - Ratlos stehe ich



Im Jahr 1966 erwies Heinz Czechowski mit vielen anderen Autoren noch der DDR seine Reverenz, in der von Adolf Endler und Karl Mickel herausgegebenen Anthologie In diesem besseren Land. Zwei Jahrzehnte später, in seinem Band Kein näheres Zeichen , gesteht sein Credo die große Enttäuschung ein: »Nichts ist eingelöst / Von allen Versprechen: / Wie Herbstlaub raschelnd / Treiben die Worte«. Die Desillusion hat sich im Werk als ein Bruch eingekerbt, der keine Rückkehr zu frohgemuter Bejahung der Lebensverhältnisse mehr zulässt; weder der Fall der Mauer noch die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands in den Jahren 1989 und 1990 schlugen sich als grundlegende »Wende« in der Dichtung nieder. »Auch / Das neue Geld / Ist Geld«, heißt es im Gedicht Nach dem Umsturz . »Grundsätzlich / Sehe ich keine / Veränderungen, die // Mich betreffen.« Alle Zukunftsgewissheit ist dahin. Wo die ungeduldige Erwartung des Kommenden das Feld räumt, besetzt die Vergangenheit das Bewusstsein. So im Gedicht Am Bahndamm aus dem Jahre 1990.

      Am Bahndamm
Stromsperre. Auch

Die Gaslaternen geben kaum Licht.
      Man fragt nicht

Nach dem Wie und dem Was,
Wenn der Kitt aus den Fugen bricht.

      Ach, Nachkriegskind, geh
Deinen Schulweg wieder im Regen: der Schnee

Gibt auch keinen Rat, ich seh
Mich im Schatten des Bahndamms: ich

Das Kind, das den Friedhofsweg scheut: Ich
Bin wieder ich!
Das Gehämmer der Steinmetzereien Hat mich begleitet. Im Geläut Der Kirchen fand ich nicht Trost. Ach, alter Bahndamm, bemoost Sind deine Mauern wie eh und je ...
      Ratlos

Stehe ich unter dem Viadukt. Ein Zug
Dröhnt wie damals. Sein Ziel

Ist nicht das meine. Vergangen
Ist mein Verlangen

Nach einem Spiel ...
      Das Anfangswort Stromsperre verweist auf eine Zeit des Mangels, der aus den Fugen springende Kitt sogar auf Verfall und absehbaren Zusammenbruch. Dieses finstere Szenarium beschwört die Kriegs- und Nachkriegszeit wieder herauf , die Kindheit: »Ich / Bin wieder ich!«
Die Erinnerung vergoldet hier nichts. Oder haben spätere Erfahrungen die Kindheit verdunkelt? Im Abschreiten des Schulwegs von einst drängen sich ausschließlich Bilder der Tristheit auf: Regen, die Scheu vor dem Friedhofsweg, die bemoosten Mauern des Bahndamms. Die Geräusche der Kindheit spenden keinen Trost; fast scheint es, als würde unter dem Gehämmer der Steinmetze, die Grabsteine behauen, auch jedes Geläut der Kirchenglocken zum Grabgeläut. Nicht einmal der Schnee, Inbegriff kindlicher Freuden, hellt die Trostlosigkeit auf. »Ratlos / Stehe ich unter dem Viadukt.« Eine Art Ratlosigkeit scheint auch auf die Form des Gedichts übergesprungen zu sein: Tarnt sich in der Freiheit der Reimanordnung vielleicht nur eine Unentschiedenheit?
Die Wiederannäherung an die Kindheit ist keine Flucht in die Erinnerung. Der Zug, der über den Viadukt hinwegdonnert, holt unabweisbare Gegenwart zurück. Aber von den Reisezielen der Züge geht keine Faszination mehr aus. Bedenkt man, dass Reisefreiheit eine der Hauptsehnsüchte der Bevölkerung in der DDR war, so überrascht im Jahr der Wiedervereinigung diese Absage. »Spiel« ist ein vieldeutiges Wort; es kann das kindliche Spiel, das Glücksspiel, das spielerische Verhältnis zum Leben und das Spiel in der Kunst bedeuten. Dass alles »Verlangen« danach abhanden gekommen ist, offenbart tiefe Resignation. Keine politische »Wende« kann die erlittenen Beschädigungen wettmachen. In der Sprache des Gedichts liegt der Schlüssel zu einem Trauma.
     

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