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Harald Härtung (geb. I932): In der Nähe der Glienicker Brücke - Marodeure des Kalten Krieges



Immer wieder hat man nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 in Filmreportagen und anderen Dokumentationen die »Mauerspechte«, die Andenkenjäger, dort am Werk gesehen, wo einst das angebliche Bollwerk des Friedens den Kalten Krieg zementiert hatte. Lyrik sucht selten die großen Schauplätze der Weltgeschichte, die Großbühnen der Publizität auf. Sie bevorzugt, wenn sie sich auf Historisches einlässt, die Nebenschauplätze, an denen Exemplarisches sich ereignet, ohne viel Aufsehen zu erregen. So auch in Harald Hartungs Gedicht:


In der Nähe der Glienicker Brücke
Selbst an dieser Stelle im Wald hatte die Mauer Löcher, größere Lücken. Wir sahen die beiden Männer. Der eine, mit Hammer und Meißel, mühte sich ab ein größeres Stück herauszuschlagen. Wie hart der Beton war, zeigte sein Gesicht. Der andre hatte die Videokamera im Anschlag. Wir gingen vorüber. Wir werden das Filmchen nicht sehn Doch stelln es uns vor. Das Wertstück samt Zertifikat.
      Beobachtet werden zwei Männer an einer abgelegenen Stelle im Südwesten Berlins. Vielleicht kommen Spaziergänger oder Besucher des Schlosses in Kleinglie-nicke hier vorbei. Was aber lockt ausgerechnet »Mauerspechte« hierher? Von keinen Fluchtversuchen, von keinen Todesschüssen an dieser Stelle der Mauer wird berichtet. Dennoch liegt diese Waldgegend im Umkreis eines historisch berühmt oder anrüchig gewordenen Punktes. Auf der Glienicker Brücke, am Grenzübergang zwischen Westberlin und der DDR, pflegten die Geheimdienste des Ost- und des Westblocks ergriffene Agenten auszutauschen. Die Glienicker Brücke war von Zeit zu Zeit ein vor der Ã-ffentlichkeit abgeschirmter Umschlagplatz, an dem die beiden politischen Lager ihren dubiosen Handel trieben - eine Art Schwarzer Markt des Kalten Kriegs.
      So werden das Mauerstück und die Beglaubigung des Herausbrechens durch einen Film für die Männer nicht nur persönlichen Andenkenwert, sondern auch einen erheblichen Marktwert haben. Schandmauer und ein Sumpfhauch von Spionage in der Nähe der Glienicker Brücke garantieren dem Betonstück eine besondere Aura und einen Sonderpreis. Das Gedicht erzählt weitaus mehr, als es ausspricht.
      Härtung bringt aber - und das macht diesen Achtzeiler zu einem lyrischen Kabinettstück - seine Beobachtung auch in eine kleine symbolische Szene. Die Waldgegend und das Alleinsein der beiden Männer gibt deren Tun eine Heimlichkeit, die an den »Mauerspechten«, den aufs »Zertifikat« bedachten Andenkenjägern, das kenntlich macht, was sie auch sind: Marodeure auf dem verlassenen Schlachtfeld des Kalten Krieges.
     

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