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Richard Huelsenbeck (I892-I974): Dada-Schalmei



Die Poesie ist tot - es lebe die Poesie!

Dada-Schalmei

Auf der Flöte groß und bieder
Spielt der Dadaiste wieder,

Da am Fluß die Grille zirpt
Und der Mond die Nacht umwirbt,

Tandaradei.
      Ach, die Seele ist so trocken Und der Kopf ist ganz verwirrt, Oben, wo die Wolken hocken, Grausiges Gevögel schwirrt, Tandaradei.

      Ja, ich spiele ein Adagio
Für die Braut, die nun schon tot ist,

Nenn es Wehmut, nenn es Quatsch — o
Mensch, du irrst, solang du Brot ißt,

Tandaradei.
      In die Geisterwelt entschwebt sie, Nähernd sich der Morgenröte, An den großen Gletschern klebt sie Wie ein Reim vom alten Goethe. Tandaradei.
      Dadaistisch sei dies Liedlein,
Das ich euch zum besten gebe,

Auf zwei Flügen wie ein Flieglein
Steig es langsam in die Schwebe.

      Tandaradei.
      Denk an Tzara, denk an Arpen,

An den großen Huelsenbeck!


Am 5- Februar 1916 kommt die noch junge europäische Kabarett- und Brettlkunst mit einem Wechselbalg nieder, dem dadaistischen Cabaret Voltaire in Zürich. Ein Wildling wächst heran, der die Bürger verschreckt; ebendies war der Zweck der Zeugung.
      Die Dadaisten, sagt Richard Huelsenbeck im Dadaistischen Manifest von 1918, zerfetzen »alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind«, sie lassen sich »von den Dingen werfen«. Im dadaistischen Affront gegen die »künstlerische Kultur«, im »bruitistischen« und im »simultanistischen« Gedicht, in den Fotomontagen und Gebrauchstext-Imitationen haben alle folgenden, den alten Kunstbegriff verabschiedenden Richtungen ihren Ursprung, die konkrete wie die Lautpoesie, die graphische Collage, die Pop-art oder das Happening. Der Wechselbalg hat eine weit verzweigte Nachkommenschaft.
      Richard Huelsenbeck, der sich in Zürich zu Hugo Ball gesellt und in Hans Arp und Tristan Tzara Gleichgesinnte gefunden hatte, gründet 1918 in Berlin mit Raoul Hausmann, Walter Mehring, George Grosz und anderen den Club Dada. Die Lust am Absurden schließt die selbstironische Maskerade mit ein. Zum »Oberdada« wählt man Johannes Baader, der sich als »Präsident des Weltalls« vorstellt; man fordert »tägliche Speisung aller schöpferischen und geistigen Menschen auf dem Potsdamer Platz«. »Was wir Dada nennen«, hatte schon Hugo Ball in seinem Diarium notiert, »ist ein Narrenspiel aus dem Nichts.«
Buffonerie tummelt sich auch in Huelsenbecks Dada-Schalmei, sie tritt aber keineswegs aus dem Nichts hervor. Anfangs werden die alten Bildmuster der arkadischen und der amönen, anmutigen Landschaft zitiert und zugleich persifliert. Zum Zirpen der Grille und zum buhlerischen Leuchten des Monds bläst kein Pan und kein Hirte die Flöte, sondern eben der Dadaiste. Ein Zitat ist auch der Refrain, das »Tandaradei« aus dem Liebeslied »Under der linden / an der heide« von Walther von der Vogelweide. Huelsenbeck spielt mit den Evergreens traditioneller lyrischer Motive.
      Zur Situation des mittelhochdeutschen Liedes freilich, zur Liebesfeier auf dem Blumenlager, das der »friedel« dem Mädchen bereitet hat, kommt es nicht. Huelsenbecks zweite Strophe zeigt eine veränderte Landschaft, in der Wolken wie Geier hocken - die rechte Kulisse für jene Störungen des Gemüts und des Verstandes, deren Anlass die dritte Strophe enthüllt. Die Liebste, die in Walthers Lied ihr fröhliches Tandaradei singt, ist hier eine tote Braut, für die der Dadaist eine getragene Melodie anstimmt. Dass sich kein falscher Ernst und keine Traurigkeit einstellen, dafür sorgt der Sprachulk der Reimentsprechung zu »Adagio«.
      Mit der Verwandlung der Braut in den schwebenden Geist taucht nun endgültig der andere Großmeister der deutschen Lyrik auf, Goethe, den schon die Parodie des Verses »Es irrt der Mensch, solang' er strebt« aus dem Prolog im Himmeldes Faust angekündigt hat. Das Bild der großen Gletscher verweist die späte Dichtung Goethes in eine eisige Höhenlage.
      Dagegen bekennt sich das dadaistische Lied in der Schlussstrophe zu seiner Unscheinbarkeit: »Flieglein« ist ein doppeltes Diminutiv. Wunderbar leicht wird gerade dadurch das Lied. Bleibt die dadaistische Lust an der Provokation immer in Tuchfühlung mit dem Nonsens, so kann sie sich doch auch einer liebenswerten Verrücktheit überlassen. Immer schon hielt das musikalische Element des Refrains, des »Tandaradei«, den dadaistischen Ulk in der Schwebe. Die Entlastung von der Strenge des alten Kunstbegriffs - hier ist sie erreicht. Und wie sich am Ende so mancher Volkslieder ein Autor durch seinen Berufsstand zu erkennen gibt, so hier das dadaistische Triumvirat durch seine Namen. Dies aber ist die geheime Losung der Dada-Schalmei: Die Poesie ist tot — es lebe die Poesie!

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Richard  Huelsenbeck  (I892-I974):  Dada-Schalmei    


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