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Jakob van Hoddis (Hans Davidsohn, I887-I942): Weltende - Die wilden Meere hupfen



Weltende, im ersten Monat des Jahres 1911 erschienen, war ein Fanal. Das Gedichtwurde zum Erkennungszeichen des Frühexpressionismus, für Johannes R. Becher wie für Gottfried Benn. Und nicht von ungefähr eröffnete Kurt Pinthus seine berühmte Anthologie Menschheitsdämmerung mit den beiden Strophen dieses Gedichts.

      Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, In allen Lüften hallt es wie Geschrei, Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.
      Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

     
Ist das Gedicht ein Spiegel zeitbedingter Untergangsängste? Im Mai 1910 war der Halleysche Komet wieder erschienen, und voraufgegangen waren tatsächlich furchterregende Ankündigungen des Weltendes. Assoziationen zu solchen inzwischen widerlegten Prophezeiungen mögen zur Wirkung der Verse beigetragen haben, aber sie erklären noch nicht das enorme Echo. Autoren wie Johannes R. Becher wurden vom Gedicht Weltende gerade umgekehrt zu Aufbruchsstimmungen, zur Gewissheit eines Neubeginns, zum Jubel über einen »geschichtlichen Schöpfungstag« hingerissen. Das muss mit den Motiven und Bildern und mit der provozierenden lyrischen Behandlung des Themas zu tun haben.
      Der Anfang des Gedichts nimmt vom Sturm, den die erste Zeile der zweiten Strophe benennt, eine Wirkung vorweg, freilich eine banale: das Davonfliegen des Huts. Das eigentlich Derangierende dabei ist die groteske Verzerrung des Menschlichen, der »spitze Kopf« des Bürgers. Das greift schon zeichnerischen Karikaturen des Bürgers in den zwanziger Jahren, etwa von George Grozs, vor. Mit dem »Geschrei« in allen Lüften, der Anspielung auf die Offenbarung Johannis, deutet sich ein apokalyptisches Ausmaß des Geschehens an. Doch kehrt der dritte Vers zum despektierlichen Ton zurück. Nicht dass Dachdecker abstürzen, ist irritierend, sondern dass sie »entzweigehn«. Kinderspielzeug, Puppen, Marionetten gehen »entzwei«. Mit der Mechanisierung des Menschlichen setzt sich wieder die Groteske durch. Das Weltende erscheint wie eine Panne, ein Betriebsunfall, wie ein Unglück in der Kinderstube. Auch die Gefahr einer Sintflut, angedeutet im Ansteigen der Flut, ist bagatellisiert; das Weltende wird an ferne Küsten, ans andere Ende der Welt verlegt, zur bloßen Zeitungsnachricht herabgestuft.
      Im ersten Vers der zweiten Strophe gibt Ironie sich unverhüllt zu erkennen: im eklatanten Widerspruch zwischen der >Wildheit< des Meeres und seiner »hupfendem Bewegung. In »hupfen« setzt sich wieder die Bildlichkeit der Kinderwelt durch, die auch im Adjektiv »dick« erhalten bleibt. Geradezu ad absurdum geführt wird das »Weltende«, wenn es lediglich »Schnupfen« verursacht. Der Ernst des Ereignisses steht in keinem Verhältnis zu seinen Folgen. Das gilt auch noch für die letzte Zeile des Gedichts. Der Vorgang, dass Eisenbahnen von den Brücken stürzen, wird wieder aus der Kinderperspektive gesehen: Allenfalls Spielzeug-Eisenbahnen »fallen« von den Brücken.
      Die sarkastische Ironie des Gedichts besteht darin, dass ein fatales Ereignis zugleich beschworen und aufgehoben wird. Die Sprache unterläuft die Vorstellung von der Weltkatastrophe, bagatellisiert sie durch Parodie, Banalisierung und Übertragung ins Infantile. Spiel-Charakter der Ironie und Bildlichkeit entsprechen einander.
      Geht es, worauf der Anfangsvers deutet, um das »Weltende« der bürgerlichen Welt, deren Unwertigkeit der Dichter betont, indem er auch ihr Ende noch zur Farce stempelt? Enthüllt die Sprache die lächerliche Unzulänglichkeit einer Welt- oder Weltende-Erfahrung des Bürgers? Verschafft sich der Dichter im ironischen Spiel Distanz zum tatsächlichen Zerbrechen einer Weltordnung? Die Reihe der Fragen ließe sich fortsetzen.
      Ganz unzweifelhaft ist der Bruch mit dem traditionellen Gedicht. Im Rahmen einer konventionellen - wenn auch in der Reimanordnung variablen -Versform, dem fünffüßigen Jambus, treibt die Sprache ihr Spiel mit den Erwartungen und Vorstellungen des Lesers, enttäuscht ein überliefertes Kunstverständnis, schockiert ein auf Kunsternst eingestelltes Rezeptionsverhalten. Und folgerichtig erhält dieses Gedicht bei den Dadaisten, im Züricher Cabaret Voltaire, programmatische Bedeutung.

     

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