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Georg Heym (I887-I9I2): Berlin - Mützen aus Russ



Berlin
Schornsteine stehn in großem Zwischenraum Im Wintertag, und tragen seine Last, Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast. Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.
      Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus, Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt, Und auf vereisten Schienen mühsam schleppt Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.
      Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,
Die Toten schaun den roten Untergang

Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.
      Sie sitzen strickend an der Wand entlang, Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein, Zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.

     
Andere Großstadtgedichte Georg Heyms sind bekannter: Die Dämonen der Städte oder Der Gott der Stadt, beide in der zweiten Hälfte des Dezember 1910 geschrieben. Die Alpträume des Steinwüsten-Bewohners bergen neue Mythen, Mythen des Industriezeitalters.
      Zwischen beiden Gedichten entstand dieses Sonett, das achte der sogenannten Är/i'w-Gedichte Heyms. Im Berlin der vorhergehenden Texte haben sich noch keine Dämonen niedergelassen. Der Beobachter Heym bewegt sich eher neugierig als verstört inmitten des »Steinmeers« und der »Menschenströme«. Zwar ragen hinter dem Idyll erhaltener Gärten bedrohlich »der Riesenschlote Nachtfanale« auf, doch behaupten sich gegen den Lärm und den Rauch der Arbeitswelt die Musik von den Ausflugsdampfern und die Lampions der Laubenfeste. Und stark ist die Faszination der Eisenbahngleise, auf denen die Vorortzüge heran- und davonbrausen — hier pulst das Leben der Stadt am kräftigsten.
      Auch in der Bildlichkeit unseres Berlin-Gedichts finden sich Schornstein und Eisenbahn wieder, doch rangieren die Wörter zugleich als Metaphern. Und im zweiten Teil des Sonetts gehen Wahrnehmungen in Gesichte über. Wie nur wenige andere Gedichte zeigt dieses die Nahtstelle zwischen realer Gegenständlichkeit und jener visionären Bilderwelt, die Heym zum Vorläufer des Expressionismus macht.
      In der Dämmerung des Wintertages und im letzen Licht des Sonnenuntergangs werden die Schornsteine zu Pfeilern, auf denen das Himmelsgewölbe lastet. Wecken »Palast« und »goldne Stufe« Assoziationen zu Pracht und Reichtum, so widerruft sie die Wirklichkeit des Stadtviertels, durch das sich schwer der Güterzug schleppt. Das Motiv der Mühsal verklammert die beiden Teile des Sonetts, den Bildern des Lastentragens antwortet im ersten Terzett das Bild des Armenfriedhofs.
      Dann entgrenzt sich Gesehenes zu Geschautem. Aus ihren Löchern heraus erblicken die Toten den Sonnenuntergang. Der goldene Horizont erscheint jetzt rot, und die Farbe Rot hat aufreizende, anfeuernde Wirkung . Die letzten Verse des Sonetts sind die eindringlichsten; vom Gedicht haften bleibt das Bild der in Reihe sitzenden, strickenden Toten — vor allem aber das Bild der »Mützen aus Ruß«, weil Heym in ihm auf unvergleichliche und ganz unsentimentale Weise das Gespinsthafte der Totenexistenz, die Tristheit der Umwelt und die Blöße der Armut zusammenfasst.
      Das Signal der Farbe Rot wird aufgenommen im Gesang der Toten, der Marseillaise. Die Anspielung auf die Französische Revolution in diesem Gedicht überrascht nicht. Aus dem Juni des Jahres 1910 stammen Heyms Sonette Bastille, Louis Capet, Danton und Robespierre. Möglich, dass Heym zugleich auf die damals vielgesungene sogenannte Arbeitermarseillaise anspielt, auf Jakob Au-dorfs »Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet«.
      Vielleicht ist der Schluss, ob dem Autor bewusst oder nicht, auch ein Echo auf Heines Gedicht Die schlesischen Weber. Während allerdings die Weber eine geschichtliche Kraft repräsentieren, die in die Zukunft wirkt , bleiben die Toten des Armenfriedhofs unentschädigt für das im Leben Vorenthaltene. Phantommützen stickend, rufen sie im »alten Sturmgesang« die Erinnerung an ihre Solidarität zurück, von der sie zehren müssen.
      Das Sonett gehört zu den bedeutenden Großstadtgedichten unserer Literatur. Im lyrischen Werk Georg Heyms hat es kaum eine Parallele. Beklemmende Großstadterfahrungen werden nicht ins Mythische übersetzt; die dichterische Vision gibt hier dem Sozialen Tiefendimension.

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