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Ernst Stadler (I883-I9I4): Form ist Wollust - Formvollendeter Abschied von der Form



»Nun ist der Mensch wieder großer, unmittelbarer Gefühle mächtig.« »Sein Herz atmet, seine Lunge braust, er gibt sich hin der Schöpfung«, stellt triumphierend Kasimir Edschmid in seinem zusammenfassenden Bericht Ãœber den dichterischen Expressionismus von 1917 fest . Von solcher elementaren Regung und von den Schranken, die sie behindern, handelt Ernst Stadlers Gedicht.

      Form ist Wollust
Form und Riegel mußten erst zerspringen, Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen: Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen. Form will mich verschnüren und verengen, Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen — Form ist klare Härte ohn' Erbarmen, Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen, Und in grenzenlosem Michverschenken Will mich Leben mit Erfüllung tränken.
      Eine Wandlung, ein künstlerischer Neubeginn wird zunächst konstatiert: die Öffnung zu einer bisher verschlossenen Welt. Den zwei Kunstprinzipien sind bestimmte Bildfelder zugeordnet, Bilder der Begrenzung und des Gefesseltseins dem einen, Bilder der produktiven Tätigkeit und des Aufbruchs dem anderen. Die »Form« schafft Genuss und Wohlbefinden , »Form« wirkt wie ein Sedativ, dämpft alle Aktivität und erzeugt mit dem »himmlischen Genügen« zugleich Spannungslo-sigkeit. Das künstlerische Gegenprinzip hat reißenden, mitreißenden Charakter. »Ackerschollen umpflügen«, also die erdgebundene Tätigkeit, ist Gegenbild zum »himmlischen Genügen«.
      Im dritten Verspaar deutet sich ein philosophischer Horizont im Gegensatz der Kunstprinzipien an: der Ausbruch aus dem Ich-Gefängnis in die Seinserweiterung. Und das vierte Verspaar bringt die Wendung zur ethischen Perspektive. Die Klarheit der Form ist mit Erbarmungslosigkeit erkauft, ihr entgegen setzt sich das soziale Mitleid. Löst also eine vergleichsweise »demokratische« eine »aristokratische« Haltung ab? Vor Simplifizierung warnt der Schluss. Es ist letztlich doch Selbsterfüllung, die in der Selbsthingabe gesucht wird.
      Das Gedicht setzt sich offenbar mit einem Kunstbegriff auseinander, bei dem die »Form« als Quelle eines sich selbst genügenden ästhetischen Genusses verstanden wird, rechnet also mit einem zur bloßen Formkunst entleerten Klassizismus und seiner epigonalen Glätte ab. Vielleicht auch richtet es sich gegen Stefan George und seine Schule.
      Ein Widerspruch bleibt. Der Durchbruch zur entgrenzenden, aufwühlenden und sich verströmenden Dichtung spiegelt sich nicht in der Struktur des Gedichtes selbst; die Sprengkraft des Themas überträgt sich nicht auf die Form. Eindringlich bringt sich das trochäische Metrum zur Geltung und lässt als einzige Variation den Wechsel zwischen fünf- und sechshebigen Trochäen zu. Der Gedanke entwickelt sich in fester Schrittfolge; den Aufbau des Gedichts bestimmt der Paarreim, der das Gedicht in fünf Abschnitte gliedert. Vier der fünf Verspaare sind parallel gebaut. Den jeweils ersten Vers beherrscht das Formmotiv, den jeweils zweiten das Erlebnismotiv. Dreimal wird die Entgegensetzung im »doch«, der adversativen Konjunktion, markant. Der starke Akzent auf der ersten Silbe gibt dem Trochäus hier etwas Apodiktisches.
      So verabschiedet Stadler die »Form« in einem formvollendeten Gedicht. Damit wird dieser Zehnzeiler zum Beispiel für den begrenzt »revolutionären« Charakter eines großen Teils expressionistischer Lyrik überhaupt. Die Mehrzahl expressionistischer Gedichte verrät sogar ausgesprochene Anhänglichkeit an überlieferte Vers- und Strophenmuster. In der Anthologie Menschheitsdämme-rung'ist Paul Zech mit einem großen Anteil an Sonetten vertreten; in der Dichtung Georg Heyms wartet das Jahr 1910 geradezu mit einem Erntesegen an Sonetten auf. Alles in allem überstehen die bekannten lyrischen Formen den expressionistischen Auf- und Umbruch verhältnismäßig unversehrt. Für einen wirklichen Einbruch sorgt aber der »Sturm«-Kreis, mit Autoren wie August Stramm oder Kurt Schwitters.
     

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