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August Stramm (I874-I9I5): Sturmangriff- Kriegsgrab - Welt im Extrakt



August Stramm, seit 1913 Mitarbeiter in Herwarth Waldens avantgardistischer Zeitschrift Der Sturm, fiel im Ersten Weltkrieg als Reserveoffizier in den russischen Rokitnosümpfen . In beiden Gedichten suchen Erfahrungen des letzten Lebensabschnitts ihren Ausdruck, und zwar in einer äußerst reduzierten Sprachform.

      Sturmangriff
Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollenkreischpeitschtdas Lebenvorsichherden keuchen Toddie Himmel fetzenblinde schlächtert wildum das Entsetzen

Kriegsgrab
Stäbe flehen kreuze Arme

Schrift zagt blasses Unbekannt
Blumen frechen Staube schüchtern

Flimmertränetglast
Vergessen

In der Zeichensetzung nimmt sich Lyrik schon vor dem Expressionismus ihre Freiheiten. Diese Gedichte Stramms aber verschmähen jegliche Satzzeichen. Gliederung ist allein den Zeilen überlassen. Absolute Einbindung der Teile in das Ganze, eine Geschlossenheit des lyrischen Kleingebildes wird erstrebt.

     
Dem entspricht ein starker Zug zur Kontraktion, zur Zusammenziehung des Sprachkörpers. Präfixe und Endungen fallen weg: kreisch, keuchen, fetzen. Bedeutungen werden verschmolzen: »Himmel fetzen« . Die an sich numeruslose Form des Abstraktums erscheint im Plural , wird also konkretisiert; Substantive und Adjektive werden verbalisiert . Der Aufladung mit Kraft und Bewegung dient auch die Transitivierung des intransitiven Verbs: »zagt«. Im Gedicht Das Kriegsgrab bringt der dritte Vers die Wende mit den beiden zu Tätigkeitswörtern umgebildeten Adjektiven »frechen« und »schüchtern«. Mit den Blumen begehrt noch einmal das Leben auf, Staub ist der Vergehenssphäre zugehörig. »Tränet« deutet noch auf Trauer, mit dem »glast« setzt eine Unkörperlichkeit ein, die dem Vergessen Vorschub leistet.
      Durch Auslassungen wird die lyrische Rede unvollständig, elliptisch, aber die Reduktion von Wörtern und Sätzen auf den Bedeutungskern ermöglicht eine sprachliche Konzentration von Welt, ein hohes spezifisches Gewicht des Weltsegments. Eine Verbalisierungstendenz lädt die in einem Extrakt eingefangene Welt mit Energie auf. Es zeigt sich, was Stramms experimentelle Lyrik leisten kann: durch den radikalen Bruch mit einer grammatisch geordneten Sprache dem Gedicht eine neue innere Spannung zu geben - die Spannung zwischen Ballung und Dynamisierung der Sprache.
     

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