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Robert Gernhardt (geb. I937): Ach - Das abgeschnittene Wort



Der frühere Redakteur der satirischen Zeitschrift pardon und Mitbegründer des Satiremagazins Titanic stand, auch als Zeichner, lange Zeit in dem Ruf des Komikers und Karikaturisten. Doch sind mittlerweile Komik und Satire, Witz und Nonsens in Robert Gernhardts Gedichten zurückgetreten. Ohnehin verstand er immer Spiel und Ernst als Zwillinge in der Kunst.
      Der Text Ach steht im Band Lichte Gedichte als letzter vor dem Gedichtzyklus Herz in Not, dem Tagebuch eines Eingriffs, nämlich einer Herzoperation. Man kann es auch als einen Prolog zu dem Zyklus lesen, weil sein Thema jenes Ereignis ist, um das vor einer schweren Operation die Befürchtungen kreisen.
      Ach
Ach, noch in der letzten Stunde werde ich verbindlich sein. Klopft der Tod an meine Türe, rufe ich geschwind: Herein!
Woran soll es gehn? Ans Sterben?
Hab ich zwar noch nie gemacht,doch wir werd'n das Kind schon schaukeln —na, das wäre ja gelacht!
Interessant so eine Sanduhr! Ja, die halt ich gern mal fest. Ach - und das ist Ihre Sense? Und die gibt mir dann den Rest?
Wohin soll ich mich jetzt wenden? Links? Von Ihnen aus gesehn? Ach, von mir aus! Bis zur Grube? Und wie soll es weitergehn?
Ja, die Uhr ist abgelaufen. Wollen Sie die jetzt zurück?

Gibt's die irgendwo zu kaufen? Ein so ausgefall'nes Stück
Findet man nicht alle Tage, womit ich nur sagen will - ach! Ich soll hier nichts mehr sagen? Geht in Ordnung! Bin schon
Das Wort »Ach«, mit dem das Gedicht einsetzt, dient im Allgemeinen als Ausdruck des Schmerzes, und tatsächlich imaginiert die erste Strophe die Situation der Sterbestunde. Wie aber reagiert der vom Tod Heimgesuchte? Nicht wie im Gedicht Miserere Heinrich Heine, der auf seinem Pariser Kranken- und Todeslager bittet: » Gott, verkürze meine Qual, / Damit man mich bald begrabe; / Du weißt ja, daß ich kein Talent / Zum Martyrtume habe.« Der Schmerz »verdumpft« dem Kranken »den heitern Sinn«; »O Miserere! Verloren geht / der beste der Humoristen!« Robert Gernhardt scheint der Gelassenheit Peter Rühm-korfs: »Ich schwebe graziös in Lebensgefahr / grad zwischen Freund Hein und Freund Heine« {Hochseil, 1975), näher zu kommen.
      Der >Humorist< in Ach bewahrt die Fassung. Er bittet den Tod zur Tür herein, stellt sich mit ihm auf Du und Du und redet vom Sterben so salopp wie von einem Alltagsproblem, das sich mit gewohnter Routine lösen und erledigen lässt. Die dritte Strophe zitiert die aus bildlicher Darstellung bekannten Attribute der Todesstunde und der Todesallegorie herbei: die Sanduhr und die Sense. In burschikosem Ton geht es weiter. Wie ein Schauspieler erwartet der >Humorist< die Regieanweisungen des Todes - Sterben wird zu einer anderen Art von Filmaufnahme. Und geradezu ins Zynische fällt die Frage nach der Verkaufsstelle für Sanduhren. Mit Recht wird, so ließe sich sagen, dieser Kaltschnäuzigkeit durch den Tod das Wort entzogen. Mitten im Satz bricht die Rede ab.
      Aber man darf dieses Gedicht gewiss nicht im Sinne alter Mysterienspiele und Moralitäten als die Geschichte gerechter Bestrafung von sündiger Frivolität lesen. Ist der Versuch, Sterben und Tod wie eine Bagatelle abzutun, vielleicht Ausdruck einer tiefen Unsicherheit? Die scheinbare Kaltschnäuzigkeit greift zu immer überzogeneren Formen der Selbstbehauptung, die eher auf Hilflosigkeit als auf innere Festigkeit deuten. Vergessen wir nicht den Zusammenhang, in den Gernhardts künstlerischer Plan dieses Gedicht gestellt hat. Die zweite Eintragung des folgenden Zyklus herzlos trägt den Titel Vorgeschichte: Stummer Infarkt. »Herzinfarkt« ist kein Befund, den man mit Scherzen zur Kenntnis nimmt. Aber was im Gedicht wie schwarzer Humor wirkt, ist auch nicht nur Galgenhumor.
      Der einleitende Satz des Gedichts »Ach, in der letzten Stunde / werde ich [...]« kennzeichnet das Folgende als eine Szene, die in der Vorstellung des dichterischen Ich abläuft. Setzen wir als fundamentale Empfindung vor einer Herzope-ration die Angst voraus, so wird das forcierte Bemühen, dem Tod die kalte Schulter zu zeigen, ja vor ihm aufzutrumpfen, zum Versuch, die Angst zu beschwichtigen, sich von ihr zu befreien. Die Szene ist also - zunehmend verkrampfendes - Rollenspiel. Die Attitüde des Herausforderers, der sich von den Insignien des Todes unbeeindruckt zeigt, ist Maske.
      Das antike Theater trennte bekanntlich von den Gesichtsmasken der komischen die der tragischen Bühne. Das Verstummen bei offenem Munde, das Abgeschnittensein der Rede am Ende von Gernhardts Gedicht, gleicht eher dem Schrei, zu dem der Mund der tragischen Maske sich öffnet, als dem Laut aus dem grinsend verzogenen Mund der komischen Maske.
     

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Robert  Gernhardt  (geb.  I937):  Ach  -  Das  abgeschnittene  Wort    


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