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Peter Rühmkorf (geb. I929): Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff



Des Mühltals Idylle in Moll

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff
In einem Knochenkopfe da geht ein Kollergang, der mahlet meine Gedanken ganz außer Zusammenhang.
      Mein Kopf ist voller Romantik, meine Liebste nicht treu - Ich treib in den Himmelsatlantik und lasse Stirnenspreu.
      Ach, war ich der stolze Effendi, der Gei- und Tiger hetzt, wenn der Mond, in statu nascendi, seine Klinge am Himmel wetzt!
Ein Jahoo, möcht ich lallen lieber als intro-vertiert mit meinen Sütterlin-Krallen im Kopf herumgerührt.
      Ich möcht am liebsten sterben im Schimmelmonat August -Was klirren so muntere Scherben in meiner Bessemer-Brust?!

Vor manchen Liedern, Volksliedern zumal und romantischen Versen, schmilzt das deutsche Gemüt. Darauf setzen Männergesangvereine und der Tourismus. Kein Fahrgast einer Schiffsreise von Koblenz nach Bingen kommt am Loreley-Felsen vorbei, ohne Heines Ich weiß nicht, was soll es bedeuten vom Tonband zu hören. Ein Klagelied wäre zu singen über den Verschleiß des poetischen Worts durch seine sentimentale Vermittlung. Eichendorff ist eines der Opfer.
     
Aus dem Volkslied schöpfte Eichendorff sein Vokabular der Gemütsbewegung. Vorgefundene Motive übernahm er in ein Lied, von dem vor allem die erste und die letzte Strophe vertraut sind: »In einem kühlen Grunde / Da geht ein Mühlenrad, / Mein' Liebste ist verschwunden, / Die dort gewohnet hat.« »Hör ich das Mühlrad gehen: / Ich weiß nicht, was ich will - / Ich möcht' am liebsten sterben, / Da wär's auf einmal still.« Über dem Grundriss dieser Weise improvisiert nun Rühmkorf das Thema weiter.
      Aber dies ist nicht mehr das poetisierende, die spröde Volksliedsprache schmiegsam und den Ton noch inniger machende Variationsmuster, dem Eichendorff folgte. Der Autor des zwanzigsten Jahrhunderts, der Nachkriegszeit, unterkühlt das alte Thema. Rühmkorf, Vagant zwischen Walther von der Vogelweide, Brockes und Klopstock, zwischen Matthias Claudius, Hölderlin und Heine, lässt die Weisen der lyrischen Tradition auf dem Resonanzboden neuer Erfahrungen gebrochen widerhallen.
      Ist dies Parodie, so doch keine, deren Sinn im komischen Effekt aufgeht. Es werden ja auch Wendungen - die von der Untreue der Liebsten oder vom Todeswunsch - wörtlich übernommen; ganz aus dem Kopf und aus dem Herzen sind die »alten rührenden Weisen« - so Rühmkorf in einem Kommentar - nicht verdrängt. Aber es überwiegen doch die Verfremdungen, die das Empfinden und das Wünschen des Eichendorffschen Gedichts umpolen.
      Mit Anspielungen auf das Industriezeitalter, mit Kollergang und Bessemerbirne hebt Rühmkorff in der ersten und der letzten Strophe die idyllische Welt des Mühlentals aus den Angeln. Die Sehnsucht des Enttäuschten, in Eichendorffs Gedicht auf das Leben des Spielmanns und des Reiters gerichtet, auf Schlacht und Lagerfeuer, wird ironisiert im Wunsch nach dem Reise- und Heldenabenteuer Karl Mays und nach einer menschlichen Primitivform, wie sie in Swifts Gulliver die Yahoos verkörpern.
      Mit Romantik füllt die alte Weise den Kopf, aber was durch diese Romantik inspiriert wird, gerät nur noch zu gedanklicher Spreu. Der hier spricht, ist kopflastig und zugleich des Kopfes überdrüssig. Da mischt sich in die Eichendorff-Parodie ein Echo auf Gottfried Benn, von dem Rühmkorf eine Zeitlang fasziniert war, ein Nachhall seines Abgesangs auf das zerebrale Ich.
      Durch alle Verfremdungen aber schlägt der Mollton der »alten rührenden Weise« hindurch. So enthüllt die Eichendorff-Parodie, was Peter Rühmkorff auch ist, nicht nur Ironiker und Provokateur, Vagant und Straßensänger, Virtuose des Reims und Akrobat auf dem »Hochseil« der Poesie, sondern auch ein Zweifler und Melancholiker - Dichter aus dem Geblüt Shakespearescher Narren.
     

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