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Oskar Pastior (geb. I927): Heißer Abend im alten Tulcea - Das Karussell



Das Gedicht gehört nicht zu den Texten Pastiors, die aus der lyrischen Tradition radikal ausbrechen ins experimentelle Spiel mit der Sprache und neue Sprachlegierungen erproben. Es steht noch im Vorfeld der Anagrammgedichte, der Umstellung von Buchstaben und Silben, oder der Gedichte in Palindromen, wo Wörter und Wortfolgen vorwärts wie rückwärts gelesen werden können. Im Vorfeld jener Variation möglicherTexturen, derentwegen die Gruppe OULIPO, die »Internationale Werkstatt für potentielles Schreiben« in Paris, Pastior 1993 zu ihrem Mitglied wählte.
      In Hermannstadt/Siebenbürgen geboren, wuchs Pastior in einem Gebiet auf, in dem neben dem Deutschen der Siebenbürger Sachsen das Ungarische und das Rumänische gesprochen wurden. Solche Mehrsprachigkeit ist eine gute Voraussetzung für besondere Sprachsensibilität. Nach dem Studium in Bukarest war Pastior eine Zeitlang Redakteur des deutschen Programms im Rumänischen Rundfunk, verließ aber 1968 Rumänien und lebt seitdem in der Bundesrepublik Deutschland. Das Gedicht Heißer Abend im alten Tulcea stammt noch aus der rumänischen Zeit.
      Heisser Abend im alten Tulcea
Das Ringelspiel im Hafen schlenkert in den Ketten, die Obeliskensäule mit den Nymphen dreht sich nicht. An einem Draht hängt weiß im Strahlenkreis ein Licht, und Schatten gehn vorbei, als ob sie Stelzen hätten.
      Das Grammophon ramonat ratlos wieder und zerbricht. Der ganze Hafen sitzt beim Gartenbier wie Kletten. Die Gäste drehn im Bahnhotel sich in den Betten; das Ringelspiel am Kai dreht sich am Abend nicht.
      Auf Steinen hocken Paare, und im Schatten sieht man Matrosenbeine neben Hüften gehn, und ab und zu wird groß durch Blätter ein Gesichtund steht am Zaun und äugt durch grüne Latten,wie sich beim Bier die Rauchrosetten drehn.
      Das Ringelspiel am Kai dreht sich am Abend nicht.
      Tulcea , die größte Stadt der Dobrudscha, liegt am rechten Ufer des Hauptarms der Donau, dort, wo das Delta des Stroms beginnt. Durch ihre Lage ist sie vor allem als Hafenstadt bedeutend. Und in Pastiors Sonett steht am Hafen des alten Tulcea das Karussell oder das Ringelspiel, das zum wiederkehrenden Motiv des Gedichtes wird, ohne doch einziger Gegenstand des Textes zu sein wie in Rilkes Gedicht Das Karussell. Jardin du Luxembourg.
      Und doch meint man ein Echo der Rilkeschen Verse zu hören. Rilke versinn-licht die Drehbewegung des Karussells durch die zweifache Wiederaufnahme des Verses »Und dann und wann ein weißer Elefant«, also durch einen Kehrreim. Der refrainartigen Wiederholung begegnen wir auch in Pastiors Text: »Das Ringelspiel am Kai dreht sich am Abend nicht«. Von Rilkes Gedicht her gesehen wirkt die Refrainzeile wie ein Widerruf. Gerade den Stillstand macht der Kehrreim dem Leser und Hörer bewusster.
      Diese Bewegungslosigkeit dessen, was seinem Zweck nach eigentlich rotieren sollte, fordert offenbar ihr Widerspiel heraus, wird zum Zündmotiv für eine Reihe von Drehbewegungen: des Grammophons, der Gäste in den Hotelbetten, der Rauchrosetten. Die Mechanik des Karussells ruht, aber eine Mechanisierung des Lebendigen setzt ein, die an Jakob van Hoddis' Weltende erinnert, zumal in den Versen »Der ganze Hafen sitzt beim Gartenbier wie Kletten. / Die Gäste drehn im Bahnhotel sich in den Betten« und »im Schatten / sieht man Matrosenbeine neben Hüften gehn«. Etwas Marionettenhaftes der Menschen deutet sich schon an in den Schatten, die wie auf Stelzen gehen.
      Die strenge Form des Sonetts, die sich der lyrischen Rede wie ein Korsett anlegt, widersetzt sich der Entfaltung solcher Bildlichkeit nicht, ja begünstigt sie. Das Atmosphärische eines heißen Sommerabends am Hafen changiert ins Groteske hinüber, ohne dass die genaue Beobachtung - das Kettenkarussell »schlenkert« in den Ketten - außer Kraft gesetzt wäre. Und doch wird die Darstellung des abendlichen Lebens und Treibens, wird das Gesetz des Wirklichen von einem Spielprinzip überlagert, auf das der Vergleich mit Rilkes Karussell-Gedicht aufmerksam machte. Der Kehrreim ist aus seiner Aufgabe, die kreisende Bewegung des Ringelspiels im Schriftbild zu veranschaulichen und dem Ohr einzuprägen, entlassen; er übernimmt die Funktion der Verneinung. Das Gedicht sucht, was beim Karussell ausbleibt, nun in der abendlichen Hafenwelt. So wird das Sonett zum Spiel mit der Dreh-Figur.
      Der Text spiegelt einen prägnanten Augenblick: In einem lyrischen Stimmungsbild löst eine Leerstelle die spielerische Suche nach anderen Möglichkeitsformen aus. So ist in diesem keineswegs Barrikaden stürmenden Gedicht doch wie ein Maulwurf schon der Sprachartist am Werk, der in den späteren Texten Oskar Pastiors seine Triumphe und Exzesse feiert.
     

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