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H.C. (Hans Carl) Artmann (geb. I92I): seht, die flinke fledermaus ...



Das Fräulein Drakulaseht, die flinke fledermaus, wie sie durch die wölken saust, wie sie drin im mondlicht schwebt, s mäulchen ganz von blut verklebt, fängt sie euch an eurem haar, ists geschehen ganz und gar gleich um euch, sie trägt euch fort, durch die luft nach fremdem ort, wo ein schlößlein ist ihr hört, drinnen wohnt sie ganz allein, hat ein rotes kämmerlein, lebt vom blut der äderlein,schon seit vielen hundert jähr, bringt sie kinder in gefahr, und in transsylvania, wo sie schon so mancher sah, heißt sie fräulein drakula.
      Ganz harmlos beginnt das Gedicht, im Ton der Kinderverse. Halb pädagogisch, halb spielerisch das Hinzeigen auf die »flinke« Fledermaus und ihren Sauseflug -der Dichter nutzt die versinnlichende Wirkung des Stabreims. Der Eindruck des Niedlich-Schönen, den der Schwebeflug im Mondlicht verstärkt, gipfelt im Diminutiv »s mäulchen«. Dann aber plötzlich der Schock: »ganz von blut verklebt«. Das possierliche Tierchen enthüllt sich als Räuber.
      Als Monster gar. Wen sie erwischt, den fängt die Fledermaus nun wie ein riesiger Greifvogel und verschleppt ihn in ihren Horst, ihren »Hort«, ihren Diminutivpalast, das »schlößlein«. Ein Märchen also, das eine böse Drohung enthält. Dass diese Drohung - ähnlich wie im Struwwelpeter oder in Max und Moritz— keine leere Drohung bleibt, erzählt der zweite Teil des Gedichts. Er zeigt die Fledermaus in einer Rolle, die ihr der Aberglaube angedichtet hat.
      Damit taucht das Gedicht vollends ins Zwielicht der Horrorgeschichten und Trivialmythen, der Vampirsagen. Es baut die Vampirgeschichte nicht aus, verzichtet etwa auf die bekannte Version, wonach man den nächtlichen Blutsauger vernichten kann, indem man ihm einen Pfahl durchs Herz bohrt. Das Vampirmotiv ist zurückgenommen in eine jener Gruselgeschichten, die ursprünglich Kindern Angst und Bange machen sollten, deren Drohcharakter aber längst vom Unterhaltungswert überlagert worden ist. Bestandteile des Unterhaltungsgenres sind auch die Drakula-Filme geworden.
      Mit der Schlusspointe »fräulein drakula« löst sich das Drohpotential des Gedichts endgültig auf. Und nun auch ist das befreiende Lachen geboten, das dem Lyrikleser und -hörer schon lange im Halse steckte; es ist der i-Punkt des Vergnügens am dichterischen Spiel.
      Denn virtuos spielt H. C. Artmann mit Tönen, Genres, Vorurteilen und Erwartungen. Wie Wilhelm Busch seine Bubengeschichte in sieben Streichen, so schneidet Artmann sein Gedicht auf die Auffassungsweise von Kindern zu, richtet sich aber insgeheim an den erwachsenen Leser. Er übernimmt auch Struktur und Ton der paarweise reimenden Klappverse von Max und Moritz . Artmann spielt im Ãœbrigen auf die grausame Drastik von Volksund Kindermärchen an. Mit dem Aberglauben einerseits, dem Makabren von Trivialgeschichten andererseits treibt er seinen Scherz in der Parodie von Vampirsagen. Und die künstliche Kindersprache, das Kinderlied ironisiert er durch den überdrehten Gebtauch der Verkleinerungsform.
      Hier wirbelt Dichtung die literarischen Schnittmuster durcheinander und gibt sie frei für das poetisch-witzige Spiel. Und der Dichter gleicht dem Magier, der bunte Lappen in seinen Hut stopft und einen Zaubervogel herausflatternlässt.
     

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