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Volkslied: Röslein auf der Heiden -Johann Wolfgang Goethe (I749-I832): Heidenröslein



Röslein auf der Heiden
Sie gleicht wohl einem Rosenstock Drum g'liebt sie mir im Herzen; Sie trägt auch einen roten Rock Kann züchtig, freundlich scherzen; Sie blühet wie ein Röselein, Die Bäcklein wie das Mündelein; Liebst du mich, so lieb ich dich, Röslein auf der Heiden.
      Der die Röslein wird brechen ab,

Röslein auf der Heiden,
Das wird wohl tun ein junger Knab,

Züchtig, fein bescheiden;
So stehn die Steglein auch allein,

Der lieb Gott weiß wohl, wen ich mein:
Sie ist grecht, vom gutem Geschlecht,

Von Ehren hochgeboren.
     

Das Lied »Sie gleicht wohl einem Rosenstock« war überliefert in der Sammlung Weltlicher züchtiger Lieder und Rheymen von Paul von der Aelst aus dem Jahre 1602, sein Motiv aber wurde allgemein bekannt durch Goethes Version Heidenröslein. Und man kann das Volkslied heute nicht lesen oder hören, ohne diese Kunstliedfassung mit im Ohr zu haben.
      Das stärkste verbindende Glied ist ein musikalisch-poetisches Element: der Kehrreim »Röslein auf der Heiden« in der zweiten und der letzten Strophenzeile . Die auffälligste Abweichung, die in der Zahl der Strophen , folgt aus der unterschiedlichen Ausführung der Handlung und der Situationen. Den drei Strophen des Goetheschen Gedichts entspricht ein klarer »dreiaktiger« Verlauf: Hineilen des Knaben zum Röslein, das Zwiegespräch, schließlich die Umsetzung des Begehrens in die »wilde« Tat und die schmerzende Gegenwehr des Rösleins.
      Im Volkslied halten sich nur die beiden ersten Strophen an einen »dramatischen« Verlauf. Die dritte Strophe entfaltet das Motiv einer Trennung, die vierte eine allgemeine Szene des Zusammenfindens, die fünfte die eines Abschieds und die sechste die eines glücklichen Stelldicheins. In der Schlussstrophe dann enthüllt sich das Lied als der Abschiedsgesang eines jungen »Hechts« für sein Mädchen:
Wer ist, der uns dies Liedlein macht, Röslein auf der Heiden? Das hat getan ein junger Hacht, Als er von ihr wollt scheiden; Zu tausend hundert guter Nacht Hat er das Liedlein wohl gemacht; Behüt sie Gott, ohn allen Spott, Röslein auf der Heiden!
Der Zusammenhang eines folgerichtigen Geschehens ist im Volkslied nicht zu erkennen. Situationen werden aneinander gereiht. Ja, es scheint, als sei der Sprecher in den einzelnen Strophen nicht immer derselbe. Tatsächlich wissen wir, dass Volkslieder im Laufe der mündlichen Überlieferung durch Zusätze erweitert werden konnten, dass mehrere Verfasser am Text mitschrieben - was »urheberrechtlich« nicht ins Gewicht fiel, weil der Autor ohnehin anonym blieb und ein Anspruch auf »Originalität« noch nicht erhoben wurde.
      In seinem Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker von 1773, auch einfach Ossian-Aufsatz genannt, beschreibt Herder die Volkspoesie als Naturpoesie und ihr Stilgesetz als »Sprünge und Würfe«. Verzicht auf strenge Logik und Kausalität, Auslassen von Zwischengliedern, abrupte Neuansätze und eine in der Bildwahl springende lyrische Rede gehören zu den Merkmalen dieses Stils - und sie alle begegnen uns auch im Lied vom Röslein auf der Heiden.
      Ein Kinderlied von Herder, um 1770 entstanden, Die Blüte überschrieben, stimmt mit Goethes Heidenröslein im dreistufigen Handlungsgerüst überein, fügt aber dann in der vierten Strophe eine lehrhafte Nutzanwendung hinzu:
Brich nicht o Knabe nicht zu früh die Hoffnung süßer Blüte. Denn bald ach bald verwelket sie und denn siehst du nirgend nie die Frucht von deiner Blüte. Traurig, traurig suchst du sie zu spät, so Frucht als Blüte.
     
Auch dem Volkslied sind belehrende Einschübe im Allgemeinen nicht fremd. Sie können beispielsweise an die Stelle jener Selbstoffenbarung des Verfassers treten, die sich zumeist auf die Angabe des Standes oder des Berufes beschränkt. Aber nicht zufällig fehlt in Röslein auf der Heiden jegliche moralisierende Wendung, das Lied ist Liebeslied. Herder entzieht dem Stoff das erotische Element und zwingt ihn in ein didaktisches Korsett. Ausgerechnet der Theoretiker der »Sprünge und Würfe« beraubt ihn der sinnlichen Unmittelbarkeit, die er der Volkspoesie zuspricht.
      Goethe berichtet in demselben Jahr, da sein Gedicht entsteht, in einem Brief an Herder vom September 1771 über zwölf Lieder, die er im Elsass bei seinen »Streiffereyen aus denen Kehlen der ältesten Müttergens aufgehascht« habe. Das Lied vom Heidenröslein ist nicht darunter. Doch könnte eine Überlieferung Herders, die der Goetheschen Fassung schon nahe kommt, ein Zwischenglied sein.
      Erhalten bleibt in Goethes Heidenröslein die achtzeilige Strophe des zitierten Liedes vom Röslein auf der Heiden; während aber dort der Jambus überwiegt, entscheidet sich Goethe für den Trochäus und verändert das Reimmuster. So bekommt - auch gegenüber dem Bruchstück der Herderschen Überlieferung - das Gedicht eine ganz andere rhythmische Gestalt, jedenfalls in der Fassung, die es in den Drucken seit 1789 hat:

Heidenröslein
Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell es nah zu sehn, Sah's mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot Röslein auf der Heiden.
      Knabe sprach: ich breche dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach: ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich, Und ich will's nicht leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot Röslein auf der Heiden.
      Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihr doch kein Weh und Ach, Mußt es eben leiden.
      Röslein, Röslein, Röslein rot Röslein auf der Heiden.
      Die lyrische Bewegung ist auf den Refrain und seine Reimentsprechungen und auf die Reimkorrespondenz der ersten, dritten und vierten Zeile gestellt, sodass ein musikalisiertes und ritornellartiges Versgebilde und ein tanzartiger Rhythmus entstehen, die dem Gedicht eine unvergleichliche Grazie geben.
      Alle didaktische Ausdrücklichkeit entfällt, obwohl ein Zusammenhang von Schuld und Vergeltung erkennbar ist. Die Rosenmetapher des Volkslieds wird aufgenommen, aber sie gewinnt doch eine andere Vielschichtigkeit. Das Volkslied setzt Rose und Mädchen mit schlichter Unbefangenheit gleich. Auch die Mehrzahl der Deutungen des Goetheschen Gedichts neigt dazu, im Heidenrös-lein eine einfache Metapher für Mädchen zu sehen, und es fehlte nicht an Hinweisen auf Biographisches, auf Goethes schuldhaft verletzendes Verhalten gegenüber Friederike Brion. Andere Deutungen entdecken im Gedicht eine Beispielgeschichte für die Vergewaltigung eines Mädchens. Alle einseitige Verengung wird vermieden, versteht man die Rosenmetapher und den Vorgang des Gedichts als symbolisch.
      »Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert«, heißt es in den Maximen und Reflexionen. Sie »spricht ein Besonderes aus, ohne an das Allgemeine zu denken oder daraufhinzuweisen«. So ist das Heiden-röslein in seinem Wirklichkeitsgehalt ernst zu nehmen, die Rose ist tatsächlich die Blume. Zugleich freilich wird das Rosenbild durchsichtig für ein Allgemeines. So sind der Deutung Grenzen gesetzt, werden aber auch weitere Sinnmöglichkeiten frei. Das Gedicht erscheint als ein in drei Strophen konzentriertes Drama des ungehemmten Begehrens und der Gewaltanwendung. Nehmen wir das Heidenröslein als Bild für die Pflanzenwelt überhaupt, wird die Tat zur frevelhaften Verletzung der Natur, die nicht ohne Sanktion bleibt. Die tänzerischmusikalische Form des Gedichts mahnt uns freilich, auch den erotischen Untergrund des Geschehens nicht wegzublenden. Wir sollten uns dem Gedicht nicht mit dogmatischem Verstehenseifer nähern, sondern uns an der Unausschöpfbar-keit, die aller großen Dichtung eigen ist, erfreuen.
      Denn zu einem vollendeten Kunstgebilde ist diese Umformung einer Volksliedüberlieferung geworden . Nur noch Clemens Brentano und Heinrich Heine, vielleicht auch Ludwig Uhland haben sich nach Goethe das Erbe des Volkslieds so anzueignen vermocht, dass aus dem Umschmelzungs- und Sublimationsprozess etwas hervorging, was wieder zum Volkslied werden konnte.
     

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Volkslied:  Röslein  auf  der  Heiden  -Johann  Wolfgang  Goethe  (I749-I832):  Heidenröslein    


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