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Ludwig Uhland (I787-I862): Frühlingsglaube - Nun muss sich alles, alles wenden



Frühlingsc.laube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.
      O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.
      Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich alles, alles wenden.
     
Von der Beliebtheit des Dichters Uhland im 19. Jahrhundert können wir uns kaum noch eine rechte Vorstellung machen. Heinrich Heines Feststellung in der Schrift Die Romantische Schule sollte noch für längere Zeit gültig bleiben: »Ludwig Uhland ist der einzige Lyriker der Schule, dessen Lieder in die Herzen der großen Menge gedrungen sind und noch jetzt im Munde der Menschen leben.« In Theodor Echtermeyers Auswahl deutscher Gedichte für höhere Schulen aus dem Jahre 1862 rangiert Uhland, nimmt man den Anteil an Gedichten zum Maßstab, unmittelbar hinter Goethe und weit vor Schiller . Er war umbuhlt von deutschen Liedkomponisten des Jahrhunderts.
      Heine hat auch angedeutet, woraus sich die besondere Wirkung des Lieddichters Uhland erklärt: aus der Nähe zu Brentanos und von Arnims Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Sie gilt zumal für so bekannte Gedichte wie Die Kapelle , Einkehr , Schäfers Sonntagslied {»Das ist der Tag des Herrn! / Ich bin allein auf weiter Flur«), Der gute Kamerad und eben für das Gedicht Frühlingsglaube . Was sich bei einem Juristen und Germanisten, dem späteren Professor für Philologie an der Universität Tübingen, wahrlich nicht von selbst verstand, ist eine ungebrochene Schlichtheit, ja fast Einfältigkeit der Aussagen und des Tons.
      Auch wenn der Abschied des Winters zu Uhlands Lebzeiten noch sehnsüchtiger erwartet wurde als in unserer technisierten Welt mit ihren verbesserten Lebensbedingungen, so spricht das Gedicht doch die allgemeine Erfahrung aus, dass uns mit der Rückkehr der Wärme und des Lichts ein neues Wohlsein ergreift und dass die frühlingshaft aufbrechende Natur ein hoffnungsfrohes Lebensgefühl erweckt. Wie der Jahreszeitenwechsel eine Konstante unserer Lebenserfahrung ist, so auch unsere Reaktion darauf. Jede Aussage des Gedichts kann mit allgemeinem Einverständnis rechnen.
      Das Eingängige der Verse verdankt sich auch dem klaren Aufbau der Strophen. Der Schweifreim sorgt für eine Zweiteilung der Strophen, zugleich aber auch für ihren Zusammenhalt: durch den Reim der dritten und sechsten Zeile, der in beiden Strophen der gleiche ist. Werden die Frühlingsboten in der ersten Strophe durch die Temperaturempfindung, den Gehör- und Geruchssinn wahrgenommen, so in der zweiten Strophe durch das Auge. Der Ermunterung des Herzens in der jeweils fünften Zeile folgt im letzten Vers die Hoffnungsbotschaft, die in beiden Strophen identisch ist, sodass durch den Kehrreim der Liedcharakter des Gedichtes auffälliger wird.
      Wer die Biographie des Autors kennt, könnte versucht sein, den Frühlingsglauben, das »Nun muß sich alles, alles wenden«, auch als ein politisches Gleichnis zu lesen. Uhland nahm teil am Kampf um die württembergische Verfassung, als Landtagsabgeordneter zwischen 1819 und 1826. In den dreißiger Jahren gehörte er erneut der Opposition im Landtag an und schied um der politischen Tätigkeit willen aus dem Universitätsdienst aus. 1848 ließ er sich ins Parlament in der Frankfurter Paulskirche wählen, folgte 1849 auch dem Rumpfparlament nach Stuttgart. Die Hoffnung des aufrechten Demokraten, dass sich mit der Revolution von 1848 »alles, alles wenden« werde, zerbrach mit dem Scheitern der bürgerlichen Bewegung.
      Diese Vorgänge auf das Gedicht Frühlingsglaube zu beziehen, ist freilich nur als Gedankenspiel erlaubt. Aber dass Uhland nach 1817 für lange Zeit als Dichter schwieg, ja dass der Politiker dem Dichter voraus war, hat - wiederum -Heinrich Heine gesehen und ironisch kommentiert: »Eben weil er es mit der neuen Zeit so ehrlich meinte, konnte er das alte Lied von der alten Zeit nicht mehr mit der vorigen Begeisterung weiter singen; und da sein Pegasus [...] gleich stätig wurde«, wenn er »vorwärts sollte in das moderne Leben, da ist der wackere Uhland lächelnd abgestiegen, ließ ruhig absatteln und den unfügsamen Gaul nach dem Stall bringen.«

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Ludwig  Uhland  (I787-I862):  Frühlingsglaube  -  Nun  muss  sich  alles,  alles  wenden    


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