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Clemens Brentano (I778-I842): Ich wollt ein Sträußlein binden ... Betrüben, das auf Lieben reimt



Ich wollt' ein Sträußlein binden, Da kam die dunkle Nacht, Kein Blümlein war zu finden, Sonst hätt' ich dir's gebracht.
      Da flössen von den Wangen Mir Tränen in den Klee, Ein Blümlein aufgegangen Ich nun im Garten seh'.
      Das wollte ich dir brechen Wohl in dem dunklen Klee, Doch fing es an zu sprechen: »Ach tue mir nicht weh!
Sei freundlich in dem Herzen, Betracht' dein eigen Leid, Und lasse mich in Schmerzen Nicht sterben vor der Zeit.«
Und hätt's nicht so gesprochen, Im Garten ganz allein, So hätt' ich dir's gebrochen, Nun aber darf's nicht sein.
      Mein Schatz ist ausgeblieben, Ich bin so ganz allein. Im Lieben wohnt Betrüben, Und kann nicht anders sein.

     
Sie »enthält die holdseligsten Blüten des deutschen Geistes«, sagt Heinrich Heine über die Sammlung Des Knaben Wunderhorn. »In diesen Liedern fühlt man den Herzschlag des deutschen Volks. Hier offenbart sich all seine düstere Heiterkeit, all seine närrische Vernunft«. Clemens Brentano, mit Achim von Arnim Herausgeber der Sammlung, hat wie nur wenige Lyriker unserer Sprache diesen Volksliedern den Puls gefühlt; man kann ihn auch im Lied Ich wollt' ein Sträußlein binden noch pochen hören.
      Das Bild von der Blume, die gebrochen werden soll, zählt zum festen Bestand der volksliedhaften Tradition. In Goethes Heidenröslein lässt die Gegenwehr den »wilden Knaben« leiden, in Ein Veilchen auf der Wiese standwäre die Blume gern vom »Liebchen abgepflückt« worden, wird aber zertreten, und in Gefimdenwird das »Blümchen«, das nicht »zum Welken gebrochen sein« möchte, ausgegraben und im Garten wieder eingepflanzt. Immer hält sich die Liebesmetaphorik an die einfachen Grundmuster. Auch in Brentanos Gedicht?
Hier erscheint das Motiv des Liebesschmerzes, das »Betrüben«, das sich auf »Lieben« reimt, verdoppelt, also noch einmal gespiegelt. Die Blume selbst, hervorgewachsen aus vergossenen Tränen, ist bereits Leidenssymbol, nicht mehr wie in Gefunden Bild für die Liebespartnerin, die der Liebende nicht dem »Welken« überantwortet, sondern zu sich holt . Schon das dem Liebespartner zugedachte Liebeszeichen ist in Brentanos Gedicht gleichsam getränkt mit Schmerz. Eine gewisse Künstlichkeit hat sich des einfachen Musters bemächtigt und sich über die Naivität des Volkslieds gelegt.
      Und doch lässt uns Brentano diese Reflektiertheit wieder vergessen. Mit dem Vokabular der Wehmut und den Füllwörtern, mit dem Satz- und Versbau, der Wortwiederholung und dem Reim stellt er die Schlichtheit und Musikalität des Volksliedes wieder her. Nicht von ungefähr hat dieses Gedicht in der Vertonung von Louise Reichardt unmittelbar ins Volk gefunden.
      Als Lied gesungen wird es auch in Brentanos Lustspiel Ponce de Leon , von dem aus es - ohne Titel - in die Gedichtsammlung wanderte. Ursprünglich ist es also Rollenlied, und zwar nur eines unter vielen. Die letzte Strophe skizziert die Situation der Sängerin. Auf die Liebe des Bürgermädchens Valeria und des Edelmanns Ponce wartet kein Happy-End. Im Hochzeitsreigen des Schlusses stehen Valeria und Ponce jeweils neben anderen Partnern. Aber das Liebesversprechen des Anfangs wird nicht zurückgenommen, nicht widerrufen.
      »Liebesworte wie neckende Kolombinen flattern umher, mit Wehmut im Herzen.« Heines Wort ist zumal auf Valeria gemünzt, auf die schönste Rolle, die Brentano für eine Schauspielerin geschrieben hat. In Valeria erhält das musikalische Element des Lustspiels seine reinste Gestalt. Züge der Colombina aus der Commedia dell'arte und der Rosalinde und Viola Shakespeares verbinden sich, aber unverwechselbar wird Valeria, weil mit den Liedern die Volkspoesie in ihr Figur geworden ist.

     

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