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Wink - Johann Wolfgang Goethe (I749-I832) - Aug in Auge



Wink

Und doch haben sie recht, die ich schelte: Denn daß ein Wort nicht einfach gelte, Das müßte sich wohl von selbst verstehn. Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben Blicken ein Paar schöne Augen hervor. Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor. Er verdeckt mir zwar das Gesicht aber das Mädchen verbirgt er nicht. Weil das Schönste, was sie besitzt Das Auge, mir ins Auge blitzt.

     
Diese Verse stehen im Buch Hafts des West-östlichen Divans, einer der großen Altersdichtungen Goethes. Wink schließt an das Gedicht Offenbar Geheimnis an, das gegen eine orientalische Auslegungstradition Einspruch erhebt, die Ha-fis, den persischen Dichter des vierzehnten Jahrhunderts, nach strenger islamischer Lehre als »mystische Zunge« kanonisiert. Goethe, von der Einheit der geistigen und der sinnlichen Existenz des Menschen überzeugt, mußte hadern mit Interpreten, die beispielsweise im Liebesmotiv des Hafis ausschließlich die allegorische Verweisung auf die Liebe zu Gott wahrhaben wollten.
      Den Gescholtenen räumen zunächst die drei ersten Verse das Selbstverständliche ein: Der Sinn des dichterischen Worts liegt nicht - wie in unserer Verkehrssprache - schon an der Oberfläche. Goethes eigene Antwort in der Streitfrage entwickelt sich aus dem Bild des Fächers, das selbst schon den Facettenreichtum des dichterischen Wortes aufleuchten lässt. Und die außerordentliche Filigranarbeit Goethescher Verskunst wird sichtbar, wenn in diesem paarweise gereimten Zehnzeiler an einer Stelle das Reimecho ausbleibt: genau an der Nahtlinie zwischen dem kleinen Prolog, der an das »Offenbar Geheimnis« anknüpft, und dem eigentlichen Gedicht. Die Bruchstelle wird auch in der Klanggestalt, also für Leser und Hörer sinnlich wahrnehmbar.

     
Wenn in Wink vom dichterischen Wort die Rede ist, so immer zugleich vom Wort des Liebenden oder doch für den Liebenden. Denn nicht zufällig ist es das dem Buch Hafis folgende Buch der Liebe, in dem sich ein geheimes Motto des West-östlichen Divans verbirgt: »Wunderlichstes Buch der Bücher / Ist das Buch der Liebe.«
Das dichterische Wort, so deutet die Metapher des Fächers an, hält nicht ein genaues Spiegelbild fest; es verschleiert sogar das Beiläufige, Minderwichtige und richtet alle Konzentration auf die lebendige Mitte. Die lebendige Mitte, das sind hier die Augen, die Augen als der Ort unmittelbarer Begegnung der Liebenden.
      »Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte«, sagt Goethe in Dichtung und Wahrheit. In unserem Gedicht sammeln die »schönen Augen« die Welt im Kleinen, die Welt des menschlichen Individuums, wie in einem Brennpunkt und machen sie für das antwortende Auge fassbar, erhellen sie im »Blitz«, lassen »Geheimnis« »offenbar« werden.
      Nirgendwo spiegelt sich, was die Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan das Hinundherwogen »zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen« nennen, so sehr wie im Auge. Seine Sprache bleibt körperliche, mimische Sprache und ist zugleich spontanes Sprechen der Seele, Sich-öffnen zu einem - mit den »Noten« zu reden - »höheren geistigen Leben«.
      Das elementare Ereignis im Gedicht spielt sich durch den Fächer, durch das dichterische Wort hindurch ab. Das Wort wird also nicht als ein monologisches, sich selbst genügendes, sondern als ein vermittelndes Wort verstanden. Immer wieder geht es im »West-östlichen Divan« um das Verhältnis von »Liebe« und »Lied«. Geradezu gegenwärtig wird dem Dichter die Geliebte im Gedicht: Ist sie verschwunden, heißt es in Abglanz, »Dann blick' ich in meine Lieder, / Gleich ist sie wieder da.« Die Dichtung vermittelt eine geradezu sinnliche Wahrnehmung der Geliebten. Diese vergegenwärtigende Kraft hat das dichterische Wort auch in Wink.
      Wie immer wir das Gedicht wenden - als Dichtung über das dichterische Wort ist es zugleich Liebesdichtung, als Liebesgedicht zugleich Lob des schönen Auges, als Lob des Auges zugleich Hinweis auf die Öffnung des Sinnlichen zum Geistig-Übersinnlichen. Ein Gedicht, das Dichtung und Dichtungslehre nie aus den Zusammenhängen des Lebens löst und doch Poetik zu reiner Poesie werden lässt. Verse - heute lebendiger als im neunzehnten Jahrhundert, das dem Klassiker den gelösten Ton des West-östlichen Divans nicht verzieh.
     

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