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Sarah Kirsch (geb. I935): Die Luft riecht schon nach Schnee - ScHNEEWEISSER GELIEBTER



In der Zeit, da Sarah Kirsch noch als ein Juwel der Lyrik in der DDR galt , beschrieb Peter Hacks halb kritisch, halb bewundernd den »Sarah-Sound«: »Ihre Tricks sind gekonnt und leise. Es geht widersprüchlich her, ohne daß es immerzu knirscht. Ihre Erlebnisse sind echt, ihre Wunder glaublich; die Sprünge ihrer Einbildungskraft haben guten Grund.«

Das Gedicht Die Luft riecht schon nach Schnee bringt zwei Motive zusammen, deren Verbindung fast so alt ist wie die Lyrik selbst: Natur und Liebe. Unübersehbar die Zahl der Texte, die Natur- und Liebesgedicht zugleich sind. Eine schwere Bürde für eine heutige Dichterin. Wie befreit sich Sarah Kirsch aus dem Zwang des Herkommens?

Die Luft riecht schon nach Schnee
Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter

Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt

Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß
Ich sage das ist

Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht

Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel.
      Sarah Kirsch macht die abgeschliffenen Motive und die metrischen Muster wieder kantig, rauht sie durch Widersprüche auf. »Die Luft riecht schon nach Schnee«: ein schönes lyrisches Bild, das zugleich ein sinnliches Wahrnehmungsvermögen verrät, wie man es bei einer Autorin erwarten darf, die sich einst für das Biologiestudium entschied. Der Satz scheint eine Anrede an den Geliebten zu sein, weil selbst die lange Tradition des Enjambements uns nicht von der Gewohnheit hat ablenken können, eine Verszeile als eine Satzeinheit zu lesen. Aber einer der - mit Peter Hacks zu sprechen - »Tricks« Sarah Kirschs, der inzwischen schon etwas wie lyrisches Allgemeingut geworden ist, besteht darin, die grammatische Ordnung im Versgebilde verschwimmen zu lassen, ja sie geradezu gegen die Versarchitektur zu entwickeln. Die zweite Verszeile enthüllt die Anrede in der ersten als Täuschung, weil Geliebter Subjekt eines neuen Satzes ist. Aber doch nun so, dass »mein Geliebter« zu einer Doppelbedeutung hin offen bleibt, sowohl als Indiz für eine Anrede wie als Subjekt eines neuen Satzes gelesen werden kann. Dieses Ineinander-Verketten der grammatischen Einheiten, diese Wortersparnis und lyrische Kontamination — wiederzufinden im Ãœbergang von der vorletzten zur Schlusszeile des Gedichts - ist ein auffälliges Kennzeichen des »Sarah-Sounds«. Die Winter-Bilder wirken halb vertraut, halb fremd - vertraut die Eisblumen am Fenster, das Zusammenrücken der Menschen, also auch der Liebenden, die Wärme des Kohlenfeuers. Ãœberraschend das »Windhundgespann«, immerhin findet es später halbwegs seine Erklärung als Schlittengespann. Das Bild des Schnees aber entfaltet Vorstellungen, die eigentlich einander ausschließen: der Geliebte als Schneeweißer, Schnee, der ins Herz fällt, Schnee, der glüht. Gewissist das Oxymoron von alters her in der Dichtung beliebt, aber es wird hier nicht als effektvolle rhetorische Figur eingesetzt, sondern dient dazu, die beiden Hauptmotive des Gedichts, Winter und Liebe, in eine wunderbare und doch irritierende Schwebe zu bringen. Schnee wird zur Metapher für die Liebe, die ins Herz fällt.
      Damit freilich ist eine gefährliche Nähe zur Süße des Kitsches erreicht und die Souveränität der Dichterin zeigt sich darin, wie sie diese Gefahr meistert, ohne doch die Liebe zu verkleinern. »Aschekübel« deutet die Möglichkeit eines Endes, eines ausgeglühten Gefühls an. Ob das Fremdwort »Darling« eher ein Ausdruck für Ernüchterung als für Zärtlichkeit ist, bleibt einen Augenblick offen, bis das Bild der flüsternden Amsel alles entscheidet. Schönheit und ein dem Nachtigallenschlag ähnlicher Gesang werden der Amsel nachgesagt, so nehmen wir sie hier für einen Wappenvogel der Liebe. Und nun erst verstehen wir ganz das Bild vom »Schlitten der nicht mehr hält«.
     

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