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Karl Krolow (I9I5-I999): Was blieb zurück? - Ein Lachen, eine Spur



Was blieb zurück?
Ein Band von Vögeln war der Herbst, das weiter nach Ägypten zog. Die Dunkelheit wächst wie die Wand durchs Zimmer. Sie nimmt überhand.
      Man raucht. Man schweigt. Und läßt den Rauch vorüberziehn. Das Jahr verschwindet, Bild um Bild. Das Jahr verbrennt. Aus dem Kaminsteigt es noch einmal in die Luft. Der Rest ist raschelndes Papier. Was blieb zurück? Ein Fußabdruck, ein Lachen, eine Spur von dir.

     
Kein Herbstgedicht, kein Wintergedicht ist dieser Text, obwohl »das Jahr verschwindet«. Krolow suchte in seinen Anfängen die Nähe zu Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke, das Etikett Naturlyriker bot sich an. Aber als dieses Gedicht erschien, war Krolow längst allen Schulen entwachsen. Natur jedenfalls kommt in diesen Versen allenfalls am Eingang vor. Doch selbst der Herbst, in so vielen Gedichten die Zeit des bunten Laubs, der Früchte und der Lese, taucht hier in der Erinnerung nur als »Band von Vögeln« auf, das sich zudem den Blicken südwärts entzog.
      Immerhin wird mit diesem Abflug schon der Grundakkord des Gedichts gesetzt: das Adieu. Ein Jahr wird verabschiedet, ein Jahr wird bilanziert. Ort der Bestandsaufnahme: ein Zimmer, in dem - gemäß der Jahreszeit - die Dunkelheit zunimmt. Das »man« in der fünften Zeile deutet nicht auf das »man« des Menschen in gesichtsloser Masse; es lässt die Einzelerfahrung als eine allgemein mögliche erscheinen. Unübersehbar ist eine Sonderstellung dieses fünften Verses.
      Die metrische Grundform des Gedichts ist der vierhebige Jambus. In der Reimanordnung hält sich der Dichter an keine Regel. Es reimen sich der dritte und vierte Vers, der sechste und achte sowie der zehnte und zwölfte; statt dem Endreim bindet eine Assonanz die Verse 9 und 11. Solche Lässlichkeit in der Reimbehandlung wird, falls überhaupt, nicht als Störung wahrgenommen. Der fünfte Vers aber verlangt, spricht man die Verse, ein anderes Lesen. Die durchgehende Vierhebigkeit ist hier zur Zweihebigkeit verkürzt. Man liest langsamer, gibt den beiden Hebungen eine andere Schwere. Es ist der Rhythmus, der die Wörter »raucht« und »schweigt« als besonders markant heraushebt.
      Und eben sie kennzeichnen die Haltung, aus der hier ins Jahr zurückgeschaut wird: Entspanntheit, aber auch lUusionslosigkeit. Eine kleine Kettenreaktion der Bilder löst das Wort »rauchen« aus. Der entstehende Rauch wird, als vorüberziehender Rauch, zur Metapher für das Vorübergehende, Transitorische der Zeit, des Jahres. Nun springt die Bildlichkeit auf den Ursprung des Rauches zurück, auf den Brand, und assoziiert das Feuer im Kamin und den aufsteigenden Rauch. »Das Jahr verbrennt« heißt: Es zieht nicht nur vorüber, es steigt als Rauch empor und löst sich auf in Luft, verfliegt. Mit der horizontalen und vertikalen Bewegung des Rauches ist eine zweifache Ansicht der Hinfälligkeit und Vergänglichkeit menschlichen Daseins ins lyrische Bild gesetzt: das Altern und das Verschwinden. Und jetzt erst, rückwirkend, erhält der Satz »die Dunkelheit wächst« seinen vollen Sinn.
      Doch wird im Gedicht, trotz aller Vergänglichkeitsgedanken, nicht dem Leben, sondern nur dem Jahr Valet gesprochen. Und was ist es, was übrig bleibt? »Raschelndes Papier« - verbranntes Papier im Zustand vor dem Verfall zu Asche? Wohl eher ein knochennüchterner Selbstbezug des Dichters, eine skeptische Einschätzung des Geschriebenen. Was aber zählt, sind allein flüchtige Zeugnisse zwischenmenschlichen Lebens, Eindrücke, die haften bleiben: neben dem Lachen ein Fußabdruck - eine haltbare Spur des Du.
      So wird das verhinderte Herbst- und Wintergedicht noch zu einem heimlichen Liebesgedicht.
     

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