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Stationen der deutschen lyrik

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Punktuelle Welterfahrung



Keinesfalls presst, auch das zeigt der Vierzeiler, das Gebot der Kürze den lyrischen Text in eine Zwangsjacke. Selbstverständlich kann eine lyrische Langform legitim sein. Sie ist es im Lehrgedicht, im philosophischen oder im Erzählgedicht. Aber für Lyrik im engeren Sinne gilt immer noch der Grundgedanke von Friedrich Theodor Vischers Bestimmung, lyrische Poesie sei »ein punktuelles Zünden der Welt im Subjekte: in diesem Moment erfasst die Erfahrung dieses Subjekt auf diese Weise«; das Subjekt werde »in dieser Situation von einem Punkt aus der Totalität der Welt berührt«.
      Das Gedicht verdankt sich - als Kronzeugen seien Wandrers Nachtlied von Goethe und Hölderlins Ode Hälfte des Lebens aufgerufen — einem markanten Moment, in dem an einem Kristallisationspunkt Erregungen, Empfindungen und Gedanken, Erinnerungen, Anstöße aus der Wirklichkeit und Zukunftsahnungen zusammenschießen. Anders als in erzählender und dramatischer Literatur ist hier der Weg zwischen dem Zündpunkt, dem schöpferischen Einfall und seiner Ausformung in Sprache verhältnismäßig kurz. Das gibt der Lyrik gegenüber den anderen Gattungen den frischen Atem des Unmittelbaren, des Spontanen. Andererseits bescheidet sie sich so mit dem Ausdruck einer punktuellen Welterfahrung.
      Das soll heißen, dass sich Lyrik nicht in die Domänen literarischer Großformen wie Epos, Roman oder Drama drängt, in die Darstellungen dessen, was sich großräumig und in langwierigem Prozess entwickelt - also die Darstellung von Lebenswelt und gesellschaftlichen Wechselbeziehungen, von den vielfachen Reibungen des Individuums mit der Umwelt oder von Konflikten gesellschaftlicher Gruppen. Lyrik bleibt auf deren Spiegelung in Facetten angewiesen, auf den Erfahrungsradius des Subjekts, sofern sie nicht »Wir«-Lyrik sein will - das politische Gedicht hat als Sonderform der Lyrik ja durchaus sein Recht.
      Auch die Reflexion zur Zeitsituation besetzt einen großen Bezirk lyrischer Dichtung. Das mag Goethes Gedicht Die Vereinigten Staaten zeigen:
Amerika, du hast es besser Als unser Kontinent, das alte, Hast keine verfallene Schlösser

Und keine Basalte.
      Dich stört nicht im Innern,

Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern

Und vergeblicher Streit.
      Benutzt die Gegenwart mit Glück!

Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick

Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.
      Das Gedicht aus den Zahmen Xenien, der Spruchsammlung des späten Goethe, ist mit seinen ersten Versen ins Stoßseufzer-Repertoire der deutschen Sprache eingegangen und unser Jahrhundert hat das >geflügelte Wort< nicht widerrufen. Die Empfänger von Care-Paketen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten den handgreiflichen Beweis für seine Richtigkeit mit der Post und erst mit dem Vietnam-Krieg ist die Goldene Legende vom unaufhörlichen Gesegnetsein des transatlantischen Landes angeschlagen. Goethe beneidet Amerika darum, dass es nicht an eine durch ihre Ruinen aufdringliche Vergangenheit gefesselt ist. Er bewundert die noch jugendliche amerikanische Wissenschaft, die nicht von verbissenem Dauerzwist geplagt wird wie die in Europa, wo gerade der Kampf der »neptunistischen« und der »vulkanistischen« Theorien zur Entstehung des Basaltgesteins tobt. Und er verteilt bei dieser Gelegenheit ironische Seitenhiebe gegen die Welle der romantischen Vergangenheitsverklärung und gegen die Schaumberge von Schloss- und Ritterpoesie wie auch gegen abstruse Räuber- und Gespensterliteratur, die in ihrem Sog mitschwimmt. So wird dieses Gedicht der Form des zwar zuspitzenden, aber polemisch »zahmen« Epigramms gerecht.
      Nicht anvertraut wird der lyrischen Kurzform die Auseinandersetzung mit Staats- und gesellschaftspolitischen Ideen und Entwürfen. Sie bleibt dem Wilhelm Meister-Roman, und zwar sowohl den Lehrjahren wie den Wanderjahren, vorbehalten. In den Lehrjahren wird ein »republikanisches« Muster mit freien Wahlen und Frauenstimmrecht innerhalb der Schauspielertruppe erwogen. Und in den Wanderjahren gilt der Kassandraruf, der schon den Beginn des technischen Zeitalters begleitet, nicht für Amerika. Geradezu als Gegenwelt, als Wirkungsfeld für schöpferische europäische Kolonisatoren lockt Amerika. Und am utopischen Horizont erscheint die Wiederherstellung antik-gesunder Lebensformen auf amerikanischem Boden, eine Art Erneuerung des alten Griechenlands — allerdings auf der Grundlage einer adlig-bürgerlichen und eben deshalb auch unamerikanischen Ständeordnung.
     
Schiller hat in großen poetisch-philosophischen Texten wie dem Gedicht Der und kulturphilosophische Konzeptionen entwickelt, ist damit aber auch wissentlich in einen Grenzbereich der Lyrik vorgestoßen. Goethe, dessen Gedichte sich um den Kern des Lyrischen bewegen, hat also folgerichtig die Erörterung gesellschaftsutopischer und geschichtstheoretischer Entwürfe in die epische Gattung verwiesen.
     

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