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Stationen der deutschen lyrik

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Lyrikgeschichte als Mosaik



Die religiösen Gedichte vieler Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts sind — zum Teil neulateinische - Gelehrtendichtung, adressiert an ein gebildetes Publikum. Das protestantische Kirchenlied, ein Grundpfeiler von Luthers liturgischer Neuordnung des Gottesdienstes, sucht als Gemeindelied die Nähe zum geistlichen und weltlichen Volkslied. In Luthers Kirchenlied befestigt bleibt eine bis ins 18. Jahrhundert hinein machtvolle Ãœberlieferungskette. Auch das katholische Kirchenlied sucht die Verbindung zum Volkslied, gewinnt aber im Gemeindeleben nicht dasselbe Gewicht. Wie sich katholische Frömmigkeit einer historischen Gestalt bemächtigt, zeigt die volksliedhafte Ballade vom Ertränkungstod der Agnes Bernauer.
      Die Abschwächung der konfessionellen literarischen Fehde zwischen Reformation und Gegenreformation schafft Freiheit für die Pflege der Sprachkultur. In poetischen Texten von Martin Opitz, so in einem Abend- und Liebesgedicht, erreicht die neuhochdeutsche Sprache eine bisher unbekannte dichterische Grazilität. Mit der leichten Gangart ihrer Verse tut es die noch nicht einmal achtzehnjährige Sibylla Schwarz ihrem poetischen Lehrer Opitz gleich. Daneben behaupten sich halsbrecherische Wort- und Sprachspiele, so in Paul Flemings Gedanken über der Zeit. Im katastrophengeschüttelten 20. Jahrhundert haben Dichter der Vergänglichkeitsklage wie Hofmannswaldau und vor allem Andreas Gryphius den Ruhm von Opitz als dem »Vater« der deutschen Dichtung des 17. Jahrhunderts etwas verdunkelt. Auf Gryphius' Sonett Abend scheint Ingeborg Bachmanns Gedicht Reklame zu antworten: Die Frage der Endlichkeit menschlichen Lebens, im Barockgedicht mit der Inbrunst des Glaubens gestellt, wird in unserer Zeit von der Werbeindustrie aus dem Bewusstsein verdrängt.
      Abendlieder verknüpfen und trennen die Epochen. So auch Paul Gerhardts Abend-Lied ein Kirchenlied, das den Schrecknissen der Zeit das Schutzversprechen Gottes entgegenhält, und Matthias Claudius' Abendlied, in dessen Fürbitte für den »kranken Nachbar« christliche Nächstenliebe um die Regung der »Menschlichkeit«, um einen Gedanken des 18. Jahrhunderts, erweitert wird. Schon verbindet sich mit der »malenden« Naturpoesie in Barthold Hinrich Brockes' Kirschblüte bei der Nacht eine fast wissenschaftliche Detailgenauigkeit, doch bleibt die physische Welt immer noch ein Ort religiöser Erfahrung, eines »Irdischen Vergnügens in Gott«.
      Weit hinter sich lässt Klopstock die »Friedhofspoesie« seiner Zeit, und souverän lockert die rhythmische Bewegung das Metrum seiner Oden auf. Zu prägnanter Kürze findet die elegische Ode bei Hölty. Der Wiederentdeckung alter Volkslieder verdankt die deutsche Lyrik ihre Neugeburt; in Goethes Heidenrös-lein verwandelt sich das Volkslied ins Kunstlied, um wieder Volkslied zu werden. Die Dynamisierung der Verskunst, die Klopstocks Entbindung des Rhythmus aus dem Metrum einleitete, feiert ihren Triumph in Goethes Freien Rhythmen. Mit Klopstocks Freundschaftsode Der Zürchersee verbindet Goethes An den Mond der Schlussakkord, doch führt Goethe das Gedicht »nach innen«, zur Beseelung der Freundschaftsdichtung. Künstlerische Selbstreflexion, Poetik, wird in Gedichten Goethes zur vollendeten Poesie. Und von tiefster existenziel-ler Erschütterung und der lindernden, lösenden Kraft der Kunst handelt die Trilogie der Leidenschaft.
      Schillers Nänie, ein Klagelied über die Sterblichkeit des Schönen, ist zugleich ein Klagelied über die Grenzen der Kunst; das rhetorische Element, sonst als antikes und barockes Erbe bei Schiller noch wirkungsmächtig, tritt in diesem Gedicht zurück. Trauer ist ein Hauptmotiv auch in Hölderlins Dichtung. Inspiration durch den griechischen Mythos und Klage über die götterlose Gegenwart verknüpfen sich in der Ode Sonnenuntergang, zum Ausdruck einer Bewusst-seinskrise wird Hälfte des Lebens.
      Die wechselseitige Durchdringung von Ich und Natur in Gedichten des jungen Goethe wird noch einmal verinnerlicht bei Eichendorff, die Seele schwärmt aus in der Natur; aber schon überschattet auch Melancholie das Landschaftsbild {SehnsuchT). Kategorisch wird die Absage an das rationale zugunsten des mythisch-geheimsprachlichen Worts bei Novalis. Ganz dem Sog der Volkspoesie und der Musikalität des Wortes vertraut sich Clemens Brentano an, zur Naivität des Volkslieds findet Ludwig Unland zurück, eine tönende Welt beschwört Mörikes Gesang zu Zweien in der Nacht. Dem Vokabular der Schwermut fällt das Schilflied Nikolaus Lenaus anheim. Aus der Klage über den Untergang der Republik löst sich die Vision einer sterbenden Stadt im Venedig-Sonett August von Platens. Die konkreten Elemente der Natur bleiben Bausteine des Tagtraums, Rückhalt für die Ahnung eines gesteigerten Daseins in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Im Grase.
      An die politische, die »Antityrannenlyrik« des Sturm und Drang, zumal an Gottfried August Bürgers Der Bauer, kann die politische Lyrik in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts anknüpfen. Ihr Wortführer Georg Herwegh verrät allerdings in seiner kämpferischen Rhetorik unfreiwillig auch ihre Selbstüberschätzung; ihren Illusionismus enthüllt ironisch Heinrich Heine im Pariser Exil. Noch die Exilierten des 20. Jahrhunderts lesen Heines Ich hatte einst ein schönes Vaterland... als Identifikationsdichtung. Die skeptische Geschichtssicht des spä-ten Heine nimmt das Ausmaß hiobscher Empörung an im Lazarus-Gedicht. Der lyrischen Ton- und Bildspur Heines folgen Epigonen, unter ihnen Emanuel Geibel mit seiner Blumenmetaphorik.
      Hebbels Sommerbildund Herbstbild lassen im Lyriker den Dramatiker erkennen, zeigen Situationen »auf des Messers Schneide«. Zum Fest des Gleichklangs fügen sich die Verse von Storms Gedicht Die Nachtigall. Bodenhaftung im bäuerlichen Leben und in praktischer Solidarität gewinnt Gottfried Kellers Sommernacht. Von der Festigkeit in der Resignation des Alternden, dessen Lebenskreise enger werden, spricht Fontanes Ausgang. Den Bruch, der durch das große Individuum und durch seine Epoche geht, exemplifiziert Conrad Ferdinand Meyer an der Gestalt Luthers. Mit der ganzen Härte der existenziellen Obdachlosigkeit ist der Winter-Wanderer in Nietzsches Vereinsamt geschlagen.
      In die Atelieratmosphäre der Kopisten klassizistischer und romantischer Muster fährt Detlev von Liliencrons Der Handkussw'ie eine frische Brise. An die Tore der Ruhmeshalle von Ritter- und Heldenballaden klopft frech Frank Wedekinds bänkelsängerischer Tantenmörder. Und für die vielfach gebrochene Wirklichkeit der Großstadt sucht Arno Holz eine neue lyrische Form in Brücke zum Zoo.
      Von Frankreich kommend, findet die Idee des »absoluten« Gedichts ihre Anhänger. Dem jungen Hofmannsthal wird die Welt »ein ewiges Gedicht« und das Gedicht die Welt schlechthin. An den eingeweihten Kreis, an die Verehrer des Schönen gerichtet ist Stefan Georges Aufforderung Komm in den totgesagten Park... Während in Nietzsches Gedicht der Vereinsamte in die Eiseskälte wandert, gelangt der Alleingebliebene und Unabgelenkte in Rilkes Herbsttagzu sich selbst, in Trakls Herbst des Einsamen zu geschärfter Wahrnehmung von Frucht und Fülle.
      Ein frühexpressionistisches Signal setzt mit seiner Provokation der bürgerlichen Welt Jakob van Hoddis' groteskes Weltende. Programmatische Bedeutung erhält dieses Gedicht bei den Dadaisten, deren Dada-Schalmei Richard Huelsen-beck besingt. In einem sprachlichen Extrakt erscheint die Welt im Gedicht August Stramms. Dagegen übersteht die lyrische Form in Ernst Stadlers Form ist Wollust den expressionistischen Umbruch verhältnismäßig unversehrt. An der Nahtstelle von realer Gegenständlichkeit und visionärer Bildlichkeit siedelt sich Georg Heyms Berlin-Sonett an.
      Romantische Lieder veröffentlichte Hermann Hesse noch um die Jahrhundertwende. In neuromantischer Weise verknüpft das Gedicht Im Nebel die Stimmung des lyrischen Ichs und die Naturstimmung. Alle romantische Hinterlassenschaft tilgt Erich Kästners Sachliche Romanze. Von neusachlicher Respektlosigkeit ist auch der entlarvende Blick auf die ersten Wucherungen der Tourismusindustrie in Yvan Golls Kölner Dom.
      Seinen Lehrer hat der Verlagslektor und Lyriker Oskar Loerke den zwei Jahre älteren Wilhelm Lehmann genannt, in dessen Gedichten die Magie der Verse,der »Naturlyrik«, aus der gedrängten Fülle der Naturerscheinungen entspringt. Unbeirrbar bleibt ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit unter dem unwandelbaren Sternenhimmel und in der Verbundenheit mit den Menschen, in Hans Carossas Gedicht Der alte Brunnen. Aber ins Ungeborgene, in die Zerreißprobe der Gewissensentscheidungen treibt die Hitlerdiktatur die Aufrechten der Inneren Emigration, Reinhold Schneider und Albrecht Hausdorfer . Aus Gottes Hand gefallen sieht Hermann Kasack die Welt . In der Begegnung des französischen Königs Ludwig X

VI.

mit seinem künftigen Henker verschlüsselt Gertrud Kolmar die Ahnung ihres eigenen Endes - sie ist in einem Konzentrationslager verschollen. Keinen Sinn mehr vermag Gottfried Benn der Weltgeschichte abzulesen ; gegen das geschichtliche Dasein setzt sich das Gedicht, als Monolog, absolut.
      Keine Leidenserfahrungen des 20. Jahrhunderts haben sich dem Gedicht tiefer eingegraben als die der Vertreibung und des Exils, des Lebens im Getto und im Lager hinter Stacheldraht. Unter dem poetischen Maskenspiel der vertriebenen Else Lasker-Schüler verbirgt sich ein verzweifelter Hilferuf. Brecht lässt die bildgesättigte, am Vegetativen und Kreatürlichen sich berauschende Lyrik der Hauspostille, Leitmotive wie Himmel, Fluss und Verwesung und die Anweisungssprache des Lesebuchs für Städtebewohner hinter sich, findet zu einer Form poetischer Lakonik und scheut auch die Annäherung an das Volks- und Kinderlied nicht . »Abschiede«, »Tode« werden zu Bildern der seelischen Erschütterung, der Bewusstseinskrise im Gedicht der im letzten Augenblick nach Schweden entkommenen Jüdin Nelly Sachs . Im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Haus wohnt später Rose Ausländer, die den einst »verbrüderten« Kulturen in der Bukowina nachtrauert. Paul Celan, dessen Angehörige in den Vernichtungslagern umkamen, verabschiedet erhabenen Gesang, Rhetorik und Virtuosität, sieht das Gedicht »am Rande seiner selbst« angekommen. Zwiespältig bleibt die Aufnahme des einst Exilierten beim Besuch in der Heimat .
      Günter Eichs Text Inventur, ein Markstein der Nachkriegslyrik, demonstriert das Zurückgeworfensein des Soldaten und Gefangenen auf ein Existenzminimum an seinen Habseligkeiten. Elisabeth Langgässer, im Dritten Reich vom Schreibverbot stumm gemacht und seit der Deportation der Tochter von Depressionen heimgesucht, feiert das Frühlingserlebnis und den Empfang des Lebenszeichens von der Tochter wie eine Rückkehr aus der Unterwelt. Eine Lebensbühne, worauf der Tod gegenwärtig bleibt, schlägt Marie Luise Kaschnitz' Gedicht Gleichzeitig auf. ins lesebuch für die oberstufe schreibt Hans Magnus Enzensberger den Aufruf zur Wachsamkeit. Gleichnishaft verschlüsselt Günter Grass die Frage nach der Mitwisserschaft im Unrechtssystem .
      Die aus dem dominikanischen Exil zurückgekehrte Hilde Domin, der die deutsche Sprache ein letzter Halt war, gibt den Deutschen eine »zweite Chance« . Das kritische Gespräch über die neuen Medien des 20. Jahrhunderts nimmt Elisabeth Borchers' Die große Chance zui. Am Ende der Landschaftsmalerei sieht Jürgen Becker die Lyrik angekommen. In Was blieb zurück?, einem Text des alternden Karl Krolow, verschweigt das verhinderte Herbst- und Wintergedicht ein Liebesgedicht. Eine neue Frische durchweht Ulla Hahns freches Liebesgedicht .
      In den Versen Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorjfvon Peter Rühmkorf, dem melancholischen und zugleich sehr diesseitigen Vaganten zwischen Walther von der Vogelweide, Klopstock und Heine, schlägt durch die Eichendorff-Parodie doch der dunkle Ton der Weise vom Mühlenrad im kühlen Grunde durch. Vorsichtig meldet sich im Rumänien-Gedicht des aus Siebenbürgen stammenden Oskar Pastior schon der Sprachartist, der später alle Register ziehen wird. Virtuos wirbelt H.C. Artmann die literarischen Schnittmuster durcheinander . Die Entfesselung des Chaos in der Kunst inszeniert furios Ernst Jandls das fanatische Orchester. Mit humoristischer Kaltschnäuzigkeit beschwichtigt sich Todesangst in Robert Gernhardts Gedicht Ach.
      Als ein Juwel der Lyrik in der DDR galt bis zu ihrer Ãœbersiedlung in den Westen Sarah Kirsch, zumal mit einem Liebesgedicht wie Die Luft riecht schon nach Schnee. In die Rolle des Ikarus denkt sich, vor seiner Ausbürgerung, Wolf Biermann hinein . »Stacheldrahtreuse« ist das Schlüsselwort von Peter Huchels Ophelia-Gedicht: Symbol des Menschenfangs. Vom geteilten Land und vom Gegenort zur »Stacheldrahtlandschaft« spricht Uwe Kolbes Gedicht Hineingeboren. Das Dilemma eines kritischen, aber im Lande gebliebenen Bürgers der DDR nach dem Fall der Mauer spiegelt sich in Volker Brauns blockhaftem Gedicht Das Eigentum, die Unheilbarkeit erlittener Beschädigungen in Heinz Czechowskis resignativem Gedicht Am Bahndamm. Harald Hartungs In der Nähe der Glienicker Brücke stellt die Marodeure des Kalten Krieges.
      Günter Kunerts Kassandrarufe, seine düsteren Prognosen zum Schicksal der Erde, verstummen auch im Gedicht Atlas nicht; allenfalls »ein paar Fetzen Poesie« hellen den Abschied auf. Den Einbruch des Unfasslichen, Chaotischen in den Gang des Alltags beschwört mit den Bildern der Flut und in einer sich steigernden Dynamik der Sprache Wulf Kirsten in Die Fähre. Das Motiv der letzten Fahrt eines armen Schluckers, dem die Dorfmusikanten das Totengeleit geben, ist wunderbar aufgehoben in der musikalischen Form von Johannes Bobrowskis Gedicht Dorfinusik. Dem unbekannten Opfer der Todesmaschinerie schreibt Durs Grünbein ein Epitaph im Gedicht Für tot erklärt... Einen Moment der Entdeckung rettet Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht Einen jener klassischen ... vor der Erosionskraft der Zeit.
     

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