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Lyrik im Widerstand gegen Meinungs-Diktatur



Wie ein Leitmotiv geht durch die deutsche Lyrik der Stundenschlag, der an den Tod gemahnt. Von der Glaubensgewissheit eines Luther oder Gryphius über Brockes' Irdisches Vergnügen in Gott und über die Gottferne von Nietzsches Ver-einsamtb'is zu den billigen Tröstungen und Surrogaten, die Ingeborg Bachmanns Gedicht am Beispiel der Reklame entlarvt, spannen sich mächtige Gegensätze. Doch wieviel Widerstandsgeist der Religion noch innewohnen kann, zeigt die Gewissenskraft im Gedicht von Reinhold Schneider. Die Natur, wie sie im Kirchenlied Paul Gerhardts Kontur erhält, wenn auch nur als theologisches Beweismittel, gewinnt in der Goethezeit geradezu eine mystische Aura, wird in Gedichten des 19. Jahrhunderts an ihren Realien und ihrer daseinssteigernden Kraft gemessen, bis man im 20. Jahrhundert mit ihrer Gefährdung zugleich das Schicksal der Erde verknüpft. Die Individualität, die im Gedicht vor allem ihre subjektive Innenseite offenbart, gerät im 20. Jahrhundert durch die politischen und die Meinungs-Diktaturen in tödliche Bedrängnis. Wenn ihr aber in der Dichtung ein Freiraum erhalten bleibt, so vor allem in der Lyrik.
      Diese Kleine Geschichte der deutschen Lyrik in Einzelinterpretationen will zu Gedichten hinführen, dem Leser die Deutung nicht aufzwingen — deshalb ist die Auswertung von Beobachtungen manchmal mit einem Fragezeichen versehen. In ihr sollen ein literarischer Kanon und eine persönliche Vorliebe, die gerade beim Gedicht erlaubt sein muss, zum Ausgleich kommen. Das besondere Gewicht, das der Lyrik des 20. Jahrhunderts zufällt, muss nicht besonders gerechtfertigt werden - uns sind ihre Erfahrungsmuster noch nahe. Und je weniger ein Gedicht einem schon bestehenden Kanon angehört, umso mehr bedarf es noch der Erläuterung. Bei den Großen der deutschen Lyrik mussten nicht unbedingt die geläufigsten Texte ausgewählt werden. Deutungen sogenannter »poetologi-scher« Gedichte bleiben die Ausnahme.
      Dieses Buch über hundert deutsche Gedichte ist nicht nur für wissenschaftliche Kollegen geschrieben, die wieder nur für Kollegen schreiben. Es wendet sich auch an Studierende sowie Schülerinnen und Schüler - und an den weiteren Kreis der Freunde von Lyrik.

     

 Tags:
Lyrik  Widerstand  gegen  Meinungs-Diktatur    


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