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Das »Morsealphabet« der Lyrik



Wer als Liebhaber von Lyrik einmal mit Morsetaste und Funkgerät umgehen lernte, weiß von der geheimen Ähnlichkeit des Funkverkehrs mit der Vermittlung und Aufnahme von Lyrik: die Benutzung eines Morsealphabets dort, der Gebrauch sprachlich-lyrischer Zeichen hier. Man muss, um die Funkzeichen aufzufangen, das Funkgerät auf die richtige Wellenlänge eingestellt haben; Offenheit für Gedichte setzt die F.rwartung eines lyrischen Zeichensystems voraus. Nicht jeder, nicht einmal jeder Kunstkenner ist empfangsbereit. Der Kunstsoziologe Alphons Silbermann hat im Fragebogen der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« auf die Frage nach dem meistgeschätzten Lyriker geantwortet, er lese keine Gedichte. Das muss man hinnehmen; bei ihm war für Gedichte keine Antenne ausgefahren.
      Nur der wird die Form- und Sinnvielfalt der Gedichte wahrnehmen, der mit dem »Morsealphabet« der Lyrik vertraut ist . Zum lyrischen »Morsealphabet« gehören das Metrum und der das Metrum überspielende Rhythmus, die Wortbedeutung und der Wortklang, der Reim, die rhetorischen Figuren, das lyrische Bild, die Metapher, in früheren Zeiten das Emblem, in neueren die Chiffre, das Symbol, der Satzbau und die Abweichung von der grammatischen Norm, die Sprechhaltung und die Perspektive, gehören aber auch die Vers- und Strophenformen und die verschiedenen Gedichtmuster von der Ode und Elegie über das Sonett bis hin zum freirhythmischen und zum Prosagedicht. Diese Elemente wollen, soweit ihnen im Einzelgedicht Bedeutung zufällt, bei der Aufnahme der Verse mitgehört werden.
      Der Funker kann Klartext senden oder aber einen kodierten, einen Geheimtext, zu dem man den Schlüssel besitzen muss. In der Lyrik bedienen sich des Geheimkodes am entschiedensten das Kryptogramm, das mit versteckten Buchstaben eine vom eigentlichen Text unabhängige Mitteilung enthält und von der Antike bis ins 18. Jahrhundert beliebt war, und im allgemeineren Sinne das hermetische Gedicht, dessen dunkler Beziehungsreichtum nicht offen liegt, zumindest einem Nichteingeweihten verschlossen bleibt. Solche verrätselnden Gedichtformen verlangen vom Leser eine Auflösung mit Hilfe eines Geheimschlüssels.

     
Doch da dem »Morsealphabet« der Lyrik eine besondere Vielschichtigkeit des Gedichts entspricht, eine - wie man gesagt hat - »Überstrukturiertheit« des Textes, setzt das Gedicht auch eine besondere Sensibilität des Lesers und in jedem Falle eine »Entschlüsselung« des Textes voraus. Das umso mehr, als das »lyrische Gedicht«, die »Einzelrede in Versen« , eine Konzentrationsform der Dichtung ist. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Elisabeth Borchers, in dem die Lyrikerin meinte, unsere Sprache überschütte uns mit Worten, die zu Hülsen geworden seien; Dichten heiße Ballast abwerfen. Diese Befreiung von Worthülsen ist zumindest eine der Bedingungen für den Vorgang der Zusammenziehung und Verdichtung, als dessen Ergebnis der lyrische Text entsteht.

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