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Stationen der deutschen lyrik

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Aufbewahrung und Ãoberschreitung der Geschichte



Stiehlt sich damit das lyrische Subjekt aus der Geschichte, aus der geschichtlichen Wirklichkeit davon? Selbst die idealistische Ã"sthetik bestreitet es energisch. Nach Hegels Ã"sthetik ist auch in der Lyrik »eine konkrete Behandlung nur in zugleich historischer Weise« möglich. Denn »fast in keiner anderen Kunst« bestimmen »in gleichem Maße die Besonderheiten der Zeit und Nationalität sowie die Einzelheit des subjektiven Genius« den »Inhalt und die Form der Kunstwerke«. Hegel setzt nämlich voraus, dass sich das »poetische konkrete Subjekt, der Dichten, als Mittelpunkt und eigentlicher Inhalt des Gedichts behauptet. Von hier führt paradoxerweise eine Linie zur Poetik Brechts, die sich so gar nicht als idealistisch begreift. »Alle großen Gedichte haben den Wert von Dokumenten. In ihnen ist die Sprechweise des Verfassers enthalten, eines wichtigen Menschen«, schreibt Brecht aus Anlass eines Lyrik-Wettbewerbs im Jahre 1927. Erfahrung, Mentalität und Denkhaltung des »wichtigen« Individuums aber sind in einer bestimmten historischen und nationalen, sozialen und kulturellen Situation und auf deren »Stufe des Bewusstseins und der Bildung« verankert. Wie können Gedichte ferner Jahrhunderte und fremder Kulturen noch »Gedichte für uns« sein? Natürlich ist von der Lyrik früherer Epochen nicht das Brandneue zu erwarten. Die Qualität von Kunst unterliegt nicht der Aktualität der Moden. Aber in jedem bedeutenden Gedicht aufbewahrt und transportabel gemacht ist eine menschliche Erfahrung, die uns angeht. Die »punktuelle Welterfahrung« allerdings muss einmal historisch konkret gewesen sein, um den geschichtlichen Moment überdauern zu können. »Wir überschreiten die Geschichte, wenn uns der Mensch in seinen höchsten Werken gegenwärtig wird, durch die er das Sein gleichsam aufzufangen vermochte und mittelbar macht«, sagt Karl Jaspers. »In der Anschauung des Großen - dem Geschaffenen, Getanen, Gedachten - leuchtet die Geschichte wie ewige Gegenwart.« Zu diesem Unverlierbaren kommt in der Dichtung die Unausschöpflichkeit des bedeutenden Sprachkunstwerks - es bleibt offen für die Entdeckung neuer Sinn- und Deutungsvarianten und kann so den historischen Abstand verkürzen.

     
Aufbewahrung eines historisch bestimmten »Moments« im Einzelwerk und gleichzeitige Ãoberschreitung der Geschichte sind die Grundgedanken der vorliegenden Gedicht- und Kommentarsammlung. Diese lyrikgeschichtliche Sammlung geht »vor Ort«, sucht in etwa hundert Einzelgedichten bestimmte Momente oder Stationen der deutschen Lyrik seit Luther auf. Sie lässt also ein Mosaik entstehen, dessen Einzelteile sowohl ein historisches Gesamtbild ergeben wie gegeneinander abgegrenzt bleiben.
     

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Aufbewahrung  Ãoberschreitung  der  Geschichte    




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