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Wulf Kirsten (geb. I934): Die Fähre - Vision eines Alptraums



Havarien ereignen sich auf den Meeren und Schifffahrtsstraßen, in Stürmen und Zusammenstößen, durch Auflaufen auf den Meeresboden oder - grässlich geistert durch das Menschheitsgedächtnis das Versinken der »Titanic« — auf einen Eisberg. Meldungen über den Untergang riesiger seetauglicher Fährschiffe umkreisen als Sensationen den Erdball. An solche Schiffskatastrophen reicht das Unglück in Wulf Kirstens Gedicht Die Fähre nicht heran. Und doch scheint sich ein kleiner Weltuntergang anzubahnen.
      Die Fähreunterwegs über den flußstunde um stunde bis in die nachtfahrgäste, fahrzeuge von ufer zu ufer,dirigiert von zwei stakenden männerndie fähre, eines wintermorgens,nebelverhangen, bei eisgang,abgängig, ketten ausgeschert,weit hinunter abgetrieben, hinüberzur flußinsel, von Saatkrähenzerkrächzt und geflecktdas Winterquartier, unwirschumflogen langsam gealterte baumgruppemitten im nebelwallenden wasser,knirschend aufgefahren, morgenmüdschlotternd die pendler, vom frosteingenommen, auf niemandslandverfrachtet, murrend und krächzendgleich dem pulk schreiender krähenim winterbild, rufe aus den baumkronenund von der kiesbank hinüberzum festland, der ström voller treibeis,das nicht strandet, des winters grindfährt zu gründe, flutweile flutetdie insel im fluß.
      Es ist, als komme ein Pendelschlag der Zeit ins Stocken, in Unordnung. Die alltäglich, bis in die Nacht hinein zwischen den Ufern wechselnde Flussfähre springt an einem Wintermorgen plötzlich aus den Ketten und aus der Spur; sie treibt, von der Besatzung nicht mehr beherrscht, mit ihrer Menschen- und Fahrzeugfracht flussabwärts. Die Sprache des Gedichts vollzieht die unaufhaltsame Bewegung der Flussströmung mit. Kein Punkt, kein Reim, keine Strophengliederung und keine feste metrische Ordnung gebieten Pause oder Halt. Nur das Komma leistet noch, um Sinn und Verständlichkeit zu sichern, Notdienst.
      Der Unfall geschieht nicht an einem gewöhnlichen Morgen des Jahresalltags. Der zum Spielball der Strömung gewordenen Fähre werden überdies noch Nebel und Eisgang gefährlich. Jegliche Orientierung geht verloren. Und Glück oder Unglück? - die Fähre läuft an einer Flussinsel auf. Glück, würde man sagen; wenigstens wird sie nicht ins Uferlose fortgetrieben.
      Aber die dem Frost ausgesetzten Gestrandeten empfinden keine Befreiung. Sie sehen sich im Herrschaftsbereich jener Vögel, die mit ihrem Krächzen am meisten an den Nerven der Menschen zerren. Den Gestrandeten reißt die Geduld, ihr Murren stimmt ins Gekrächze der Vögel ein. Rufe zum Festland hinüber verhallen. Fähre und Menschen sind in ein unheimliches Niemandsland verschlagen, eingekreist vom Treibeis.
      Und nun geraten Sprache und Situation aus den Fugen. Mit »des winters grind«, der Metapher für Treibeis, verselbstständigt sich die Bildlichkeit des Treibens und Fließens, überlässt sich die Sprache dem Stabreim, der Führung des »f«. Die Flutwelle wächst ins Ungeheure, und ob man »fluten« im Sinne von »überfluten« oder von »wegfluten« liest — etwas geht »zu gründe«. Die Fähre, einmal aus den Ketten gesprungen und abgetrieben, wird in eine Flut von mythischem Ausmaß hineingerissen.
      Die ohne Einhalt zum Schlusspunkt drängende Sprache entspricht mit ihrer Dynamik einem Vorgang, der schließlich die Erfahrungsgewohnheiten sprengt und ins Ungeheuerliche umschlägt. Es ist, als ob man in das Auge eines Mahlstroms blickte. So bringt die Vision des Gedichts einen unserer Alpträume ins Bild: den Einbruch des Unfasslichen, des Chaos ins System unserer Sicherheiten.
     

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