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Rolf Dieter Brinkmann (I940—I975): Einen jener klassischen ...



Aufatmen fr einen Moment

Rolf Dieter Brinkmann war um 1970 in Deutschland der Prophet der amerikanischen Underground-Literatur, mit der Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene , aber auch mit den eigenen Gedichtbnden Die Piloten und Westwrts 1 & 2 . Von Frank O Hara bernahm er die Technik der Kurzbelichtung einer momentanen Wahrnehmung und Empfindung, den snap-shot. Zu den Beispielen seiner eigenen Form des lyrischen Schnappschusses gehrt dieses Gedicht:
Einen jener klassischenschwarzen Tangos in Kln, Ende des Monats August, da der Sommer schonganz verstaubt ist, kurz nach Laden Schlu aus der offenen Tr einerdunklen Wirtschaft, die einem Griechen gehrt, hren, ist beinaheein Wunder: fr einen Moment eine Überraschung, fr einen Moment
Aufatmen, fr einen Moment eine Pause in dieser Strae,die niemand liebt und atemlos macht, beim Hindurchgehen. Ichschrieb das schnell auf, bevor der Moment in der verfluchtendunstigen Abgestorbenheit Klns wieder erlosch.
      Ein Schnappschuss steht unter dem Gesetz der Schnelligkeit, des Zeitdrucks und so beansprucht der Titel des Gedichts keine Eigenstndigkeit, ist schon Bestandteil des ersten Satzes. Zudem schafft die abgebrochene Überschrift Augenblicksspannung, weil sie die Frage offen lsst, was denn hier wohl klassisch sein knne. Die drngende Zeit bleibt lange sprbar, weil die Satzfgung ber elf Versschlsse hinwegsetzt — das Enjambement ist hier Ausdruck einer Atemlosig-keit, die in der sechsten Strophe direkt benannt wird. Und dreimal schlgt die Wendung fr einen Moment Alarm, dreimal macht das Gedicht das Augen-blickshafte des Gedichts unmittelbar bewusst und ruft zur Eile.
      Fast wie ein Wunder erscheint es dem Passanten, in dieser Klner Strae, zu dieser sptsommerlichen Jahreszeit - doppelsinnig das Bild vom verstaubten Sommer — und zu dieser Zeit des Ladenschlusses einen schwarzen Tango zu hren. Überraschend wohl auch der RJiythmus und die Melodie des lateinamerikanischen Tanzes im Lokal eines Griechen. Vorstellungen und Empfindungen berlagern sich, Assoziationen zu Unterdrckung und Befreiung, zu Leidenschaft und Schwermut.

     
Das Aufatmen fr einen Moment ist der fliehenden Zeit abgerungen, ist im blinden Dahintreiben durch die Abgestorbenheit der dunstigen Stadt wie ein glcklicher Augenaufschlag, ein Moment der Entdeckung. Und dieser Moment von Evidenz will festgehalten, vor der rasenden Erosionskraft der Zeit gerettet werden. Der Bewahrungstrieb des schpferischen Ich ist gefordert. Und dieses Ich handelt sofort: Ich / schrieb das schnell auf.
      Warum ich dieses Gedicht besonders liebe? Weil es einen Vorgang in lyrische Sprache bannt, der eigener Erfahrung nicht unvertraut ist: In einem Zustand tauber Empfindungen pltzlich von einer Melodie angefallen und zu solcher Sensibilitt geweckt zu werden, dass Melodie und Moment sich dem Bewusst-sein unverlierbar einprgen. Weil es mich in die Dynamik seines mitziehenden Rhythmus immer neu aufnimmt. Weil es auf ungeknstelte Weise den Akt der Hervorbringung von Lyrik mit zur Sprache bringt. Und weil es mit seiner Technik des snap-shot, seiner Konzentration des knstlerischen Zugriffs auf den einen Moment, auf Punktuelles, ein Grundgesetz von Lyrik berhaupt sinnfllig macht.
     

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