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Johannes Bobrowski (I9I7-I965): Dorfmusik - Umarmung durch den Reim



Beim ersten Lesen des Gedichts Dorfmusik meldeten sich in meiner Erinnerung sofort die Verse von Detlev von Liliencrons Die Musik kommt. »Klingling, bum-bum und tschingsdada, / Zieht im Triumph der Perserschah? / Und um die Ecke brausend bricht's / Wie Tubaton des Weltgerichts, / Voran der Schellenträger.« Mit einer Militärkapelle ziehen Soldaten durch die Stadt, und in den Toren und Türen drängen sich die Mädchen. Noch aus der Ferne tönt »Klingling, tschingt-sching und Paukenkrach«. In den sieben Strophen rauscht eine Kavalkade der Lautmalerei vorüber. - Wie anders Bobrowskis Dorfmusik:

Dorfmusik
Letztes Boot darin ich fahr keinen Hut mehr auf dem Haar in vier Eichenbrettern weiß mit der Handvoll Rautenreis meine Freunde gehn umhereiner bläst auf der Trompeteeiner bläst auf der Posaune Boot werd mir nicht überschwer hör die andern reden laut: dieser hat auf Sand gebaut
Ruft vom Brunnenbaum die Krähe von dem ästelosen: wehe von dem kahlen ohne Rinde: nehmt ihm ab das Angebinde nehmt ihm fort den Rautenastdoch es schallet die Trompetedoch es schallet die Posaune keiner hat mich angefaßt alle sagen: aus der Zeit fährt er und er hats nicht weit.
      Also weiß ichs und ich fahr keinen Hut mehr auf dem Haar Mondenlicht um Brau und Bart abgelebt zuendgenarrt lausch auch einmal in die Höheden n es tönet die Trompetedenn es tönet die Posaune und von weitem ruft die Krähe ich bin wo ich bin: im Sand mit der Raute in der Hand
Die Trompete und die Posaune locken keine schwärmerischen Mädchen vors Haus, sie sind auch nicht das »Tubaton des Weltgerichts«, obwohl ein Toter zur letzten Ruhe gefahren wird. Ein Toter, der keine Reichtümer auf Erden hinter-lässt; die Lebenden bescheinigen es ihm: »dieser hat auf Sand gebaut«. Er nimmt auch auf die letzte Fahrt nur eine »Handvoll« von der Raute mit — sie ist nach dem Volksglauben das Totenkraut. Selbst das missgönnt ihm die Krähe, das Lästermaul unter den Vögeln.
      Wir dürfen uns den Ort des Geschehens in einer der Landschaften des Ostens denken, die der in Tilsit geborene Johannes Bobrowski in seiner »poetischen Landnahme« immer wieder beschworen hat, ob in den Lyrikbänden Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme oder in seinen Romanen und Erzählungen - dürfen uns ein Dorf, einen Fluss oder einen See im Land Sarmatien vorstellen.
      Ein armer Schlucker und Versager also liegt auf dem Boot, in den Brettern. Dennoch hat er Freunde — zumindest zwei. Aber die zählen im Dorf auch nicht gerade zu den Hochrespektierten: die bei Festen und Vergnügungen begehrten, als Dorfbürger kaum geachteten Musikanten. Beim Dichter freilich stehen sie hoch im Kurs. Er ehrt sie mit dem Refrain, ja überhaupt mit der musikalischen Form des Gedichts.
      Die Verspaare haben etwas von der Schlichtheit des Volkslieds und von der Reimverliebtheit der Kinderverse. »Letztes Boot«, »Hut« und »Haar«, »Eichenbretter weiß« und »Rautenreis«, »Brunnenbaum« und »Krähe«, der Ausruf »wehe« — alles dies sind poetische Vokabeln für eine einfache Vorstellungswelt oder Wörter mit besonderem Klangreiz. Als eine kleine Blockade schiebt sich, auch typographisch sichtbar, der Refrain des Gedichts in jede Strophe. Er nennt die Instrumente der Dorfmusikanten, hat aber auch im Gedicht eine musikali-sierende und zudem strophenbindende Funktion: als die Wiederkehr des Gleichen, als Gleichklang mit Variation und Steigerung . Die Refrainverse sind in der Strophe die einzigen ohne Reimentsprechung, sind aber aufgehoben in einer Umarmung durch den Reim. Immerhin schützen sie die Strophe vor Gleichförmigkeit.
      Auch wer die Anklänge an Volkslied und Kinderverse nicht mithört, wird das Naiv-Poetische des Gedichts nicht leugnen. Bobrowskis Gedichte, Legenden und Erzählungen sind vor allem Vergegenwärtigung des Vergangenen, der verlorenen Heimat, der Kindheit. Solcher Erinnerungsweise entspricht das Gedicht Dorfmusik mit seiner Versgestalt und seinem Wortbestand.
      Und mit solcher naiv-poetischen Form versteht es der Dichter, das Schwerwiegendste leicht erscheinen zu lassen. Fast vergisst man, dass dieses Gedicht von einer Beerdigung handelt, vom Begräbnis eines »abgelebten«, »zuendgenarrten« Menschen. Schon das Motiv der Bootsfahrt und das Geleit der Freunde, des Trompeters und des Posaunisten, geben der letzten Reise des Toten Leichtigkeit — nur als blinde Passagiere fahren Gedanken an den Acheron, den Fluss der Unterwelt, oder an die Posaunen des Jüngsten Gerichtes mit. Dieses Totenlied, dieses wunderbare Gedicht, huldigt einer großen Gelassenheit.
     

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