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Günter Kuriert (geb. I929): Atlas - Ein paar Fetzen Hoffnung



Atlas
Zwar noch gebeugt aber die Arme schon leer und herabgesunken Die sonst steinerne Miene gesprungen vor Schreck über den Verlust der Last auf dem mythischen Weg irgendwohin durch die Zeit
Plötzlich überflüssigein nackter Überlebender seiner Aufgabedie ohne die Kugel mißlungen:der er folgen muß ins Vergessen

überwehtvon ein paar Fetzen Poesie.
      Atlas, wie Prometheus ein Titane, wird in griechischen Mythen fast immer in Verbindung mit Gestirnen und dem Himmel genannt. Im pelasgischen Schöpfungsmythos setzt ihn die Göttin aller Dinge mit der Titanin Phoibe zum Herrscher über den Mond ein. Beim Krieg des Zeus gegen die Titanen ist der riesenhafte Adas deren Führer und wird nach dem Sieg der Götter dazu verdammt, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen. Nach rationalistischen Umdeutun-gen späterer Schriftsteller hat er als gestirnskundiger König die erste Himmelskugel angefertigt, worauf sich unsere Bezeichnung »Atlas« als Name für Sammlungen von Himmels- und Landkarten bezieht. Allgemein bekannt war der Träger der Himmels- oder Weltkugel durch die bildliche Darstellung auf den Titelblättern von Atlanten.
      Günter Kunert eignet sich die Überlieferung in paradoxer Weise an: Das Gedicht geht hinter die rationalistische Auflösung des Mythos wieder zurück, lässt aber die Erzählung ihr Ende in sich selbst finden. Dennoch führt zu dieser Selbstaufhebung nicht eine innere Folgerichtigkeit der mythischen Geschichte, sondern der Eingriff eines modernen Bewusstseins. Für den Titanen war der Spruch der Götter eine von Siegern verhängte Rache und Strafe; Atlas hätte den »Verlust« der Last als Erlösung empfinden müssen. Im modernen Gedicht steht für das Aufatmen der Schreck. Statt einer Befreiung hat sich eine Katastrophe ereignet.
      Zwei Deutungen bieten sich an. Nach der ersten hätte das Gedicht zum Gegenstand den Untergang der alten Mythen. Wissenschaftliches hat mythisches Denken abgelöst, forschendes Beobachten die Vorstellung, dass der Himmel auf der Erde lagert und Berge ihn tragen, wofür das Bild des Atlas und seine Last eintreten konnte. Atlas ist ohne seine Aufgabe »überflüssig« geworden. Die Erzählung von der Kugel und ihrem Träger versinkt ins Vergessen, aber noch im Versinken gibt der Mythos Zeugnis von der Kraft seiner Poesie.
      Die andere Deutung legt sich genauer auf die historische Zeit und auf thematische Zusammenhänge im Werk Günter Kunerts fest, und zu ihrem Angelpunkt wird der »Schreck«, der die »steinerne Miene« bersten lässt. Wenn die Himmels- und Weltkugel ihren Halt verloren, besser: sich aus ihren Stützen gelöst hat, dann muss ein Unglück kosmischen Ausmaßes geschehen sein, das wahrlich panisches Entsetzen hervorrufen kann.
      Wir kennen Kunerts düstere Prognose zum Schicksal unserer Erde, seine Weigerung, sich von den Beschwichtigungen der Umweltverderber und vom Optimismus der Umweltschützer länger beruhigen zu lassen. Im Gedicht Atlas entwirft er seine illusionslose Gegenwartsdiagnose in der wiederholten und zugleich widerrufenen, nämlich an ein schlimmes Ende fortgedachten mythischen Erzählung. Ich kenne kein Gedicht Kunerts, das in so gedrängter lyrischer Form die bloße modische Unheilsverkündigung so souverän hinter sich ließe.
      Der Band, in dem die Verse stehen, heißt zwar Unterwegs nach Utopia, doch die Utopie ist hier wirklich ein Nicht-Ort oder vielmehr ein unerreichbarer Ort: »unterwegs nach Utopia / wo keiner lebend hingelangt / wo nur Sehnsucht / überwintert«. Aber Sehnsucht ist etwas, was der Gegenwart vorauseilt, und Überwintern schließt Überdauern, also Zukunft ein. Im Gedicht Atlas ist und hat »Poesie« das letzte Wort. Sie kann Poesie des endgültigen Abschieds, aber sie könnte auch Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein, Bewahrerin von - und seien es nur »ein paar Fetzen« - Hoffnung.

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Günter  Kuriert  (geb.  I929):  Atlas  -  Ein  paar  Fetzen  Hoffnung    


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