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Durs Grünbein (geb. I962): Epitaph - Staubsauger Zeit



Dem Unbekannten Soldaten sind viele Mahn- und Denkmäler errichtet worden. Durs Grünbeins Epitaph hält die Erinnerung an das Unbekannte Opfer der Todesmaschinerie fest.

      Epitaph
Für tot erklärt Ward, vierzig Jahre nach dem letzten Krieg, im Stillen Herr S. aus Dresden. Letzter Wohnort unbekannt
Stand in der Meldung, anonym verfaßt. Beschlossen Hatte ein geisterhaftes Gremium, daß der Tod Herrn S.' Schlag Zwölf im Jahre ' eingetreten sei. Zu dieser Zeit, Das ließ sich denken, war Herr S. bereits geräuschlos In Moos und Farn, Sand, Wind und Regen aufgegangen, Zerstäubt als Asche zwischen Arktis und Sahara.
      Doch warum anonym und vier Jahrzehnte später? Warum kein Wort von Ort und Art des Todes? Warum statt eines Nachrufs ein Beschluß?
So ohne Trauer, ohne Erben, ohne Grab, Staubsauger Zeit, wer war Herr S.?
Ein Verschollener wird nach Jahrzehnten für tot erklärt, und die Angabe der Todeszeit, »Schlag Zwölf im Jahre '«, ist von ebenso demonstrativer Ungenau-igkeit wie Woditschkas Verabredung mit Schwejk im Prager Lokal »Zum Kelch«: »Also nach dem Krieg, um sechs Uhr abends.«
Der Eindruck des Makabren wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Berichtsprache zunächst dem Amts- und Protokolldeutsch annähert, einer Sprache, die auf pedantische Genauigkeit geeicht ist - dieser Fall aber entzieht sich bürokratischer Logik. Ja, die Bestimmung der Todeszeit durch das »Gremium« grenzt ans Absurde, weil aller Wahrscheinlichkeit nach zu diesem Zeitpunkt der Leib längst zerfallen war.
      Wer aber mag Herr S., was mag die Todesart gewesen sein? Aus Dresden stammend, hat Herr S. doch dort keine Spuren hinterlassen. Dresden ist in die Geschichte horrender Kriegszerstörung eingegangen durch das dreimalige Luftbombardement der Alliierten Mitte Februar 1945. Dresden ging in Flammen auf, so auch könnte der Körper von Herrn S. vom Feuer ergriffen worden sein, zerstäubt »als Asche zwischen Arktis und Sahara«.

     
Aber könnte Herr S. nicht auch einer jener Bürger Dresdens gewesen sein, die in der ersten Hälfte der vierziger Jahre in die Vernichtungslager deportiert, in die Gaskammern geschickt und in die Verbrennungsöfen gestopft wurden? Das Gedicht gibt keine klare Auskunft. Es will weder Luftkriegstote gegen den Völkermord aufrechnen noch überhaupt das Epitaph für eine bestimmte Opfer-Gruppe sein. Es belässt Herrn S. im Niemandsland zwischen Anonymität und Individualität, nimmt ihn als Beispielfigur für ein Heer von Verschollenen.
      Die Fragen des Lesers stellt schon das Gedicht selber, die Fragen nach dem Warum des heimlichen und späten »Beschlusses«, nach dem Grund des Ver-schweigens von Todesort und -art, nach dem Warum der Verweigerung eines Gedenkens. Welche Interessen sind im Spiel, damit ein Daseinsrest geräuschlos gelöscht, ein Verschollener endlich als tot gelten kann? Man möchte Brecht variieren: So viele Fragen, so viele Antworten.
      Aber Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters wollten eine neue historische Sicht durchsetzen, die Leistung der Unteren aus dem Dunkel holen, die Ansprüche einer Klasse anmelden. Durs Grünbeins Gedicht hat keine politische Botschaft, zumindest gibt es sie nicht heraus. Der Dichter hält sich an die Form, deren lyrisches Seitenstück er gewählt hat: an das Epitaph. Und dem sind nicht die Anklage oder das Manifest gemäß, sondern das Rühmen oder die Klage.
      Am Ende wird das Gedicht zu einer Elegie, ja zu einem Requiem. Die Totenklage, die dem Verschollenen vorenthalten wurde, der Dichter holt sie nach. Mächtig wie Begräbnisglocken ertönen die drei Klagerufe: »ohne Trauer«, »ohne Erben«, »ohne Grab«. Und dann fasst im Schlussvers das Bild »Staubsauger Zeit« alles Elend zusammen. Die biblische Mahnung, dass der Mensch zu Staub werde, hat sich in grauenvoller Perversion erfüllt: in den Feuersbrünsten der untergehenden Städte und in den Krematorien der Vernichtungslager. Instrumente der Technik ermöglichen das Inferno. Sein Recht hat deshalb Grünbeins »technisches« Bild »Staubsauger Zeit«, eine kühne, originelle Metapher für die Hinfälligkeit menschlichen Lebens; sie radikalisiert den Gedanken der Vergänglichkeit noch einmal. Auch den letzten Verfallsstoff, den Staub, saugt sie ein, die alles verschlingende Zeit.
     

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Durs  Grünbein  (geb.  I962):  Epitaph  -  Staubsauger  Zeit    


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