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Zur Standortbestimmung der ungarndeutschen Literatur



'Das Zweiglein brach ab. Niemand sah es, nur der Gärtner. Die Adern spritzten noch Blut zur Wunde, aber das Zweiglein wurde immer dürrer. Und der Gärtner war traurig." So beginnt und so endet die titelgebende Erzählung des im Sommer 1990 viel zu früh verstorbenen Dichters Claus Klotz in der 1989 im Budapester Lehrbuchverlag herausgegebenen Anthologie junger ungarndeutscher Dichter Das Zweiglein.


      Von 'erfreulich vielversprechenden Zeichen" schreibt in seinem Nachwort zu dieser Anthologie der Fünfkirchner Literaturwissenschaftler Bela Szende und fügt hinzu: 'diese Wortkombination ist nur in einer Zeit denkbar, in der sich die Erkenntnis einen Rang verschaffte, daß Minderheiten, die kaum noch Träger ihrer eigenen - für die Mehrheit andersartig geltenden - Sprache und Kultur sind, zur Neubelebung dieses ihres Status von der Mehrheit und von einer Minderheit innerhalb ihrer eigenen Gruppe selbst ermuntert werden sollten, damit sie den Mut fassen, [sich] mehr und mehr ihre eigene Kultur in ihrer eigenen Sprache anzueignen, [sie] zu pflegen und fortzupflanzen. Diese Minorität innerhalb der Minderheit können - in unserem Fall - unter anderem die wenigen, aber immer zahlreicher werdenden jungen ungarndeutschen Schriftsteller repräsentieren." Eine Minorität, die ihre Impulse, Anregungen von der ungarischen, der deutschen, aber teilweise auch von der auslandsdeutschen Literatur bekommt.
      Im Referat von Herrn Szabo konnten Sie, meine Damen und Herren, die Entwicklung der ungarndeutschen Literatur vor ihrem geschichtlichen Hintergrund aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers kennenlernen. Lassen Sie mich nun einiges zur Standortbestimmung dieser Literatur aus der Sicht eines Redakteurs der einzigen Wochenzeitung für die deutsche Minderheit in Ungarn sagen.
      Mir ungrische Schwowe ist der bezeichnende Titel des Bandes von Engelbert Rittinger. In dieser Identität, besser gesagt, kaum vorhandenen Identität, hat ein bewußtes Zurückgreifen auf die im Referat von Herrn Szabö skizzierten kulturellen Leistungen des deutschen Bürgertums im Karpatenbecken - und ich möchte hinzufügen auch auf die immerhin beachtlichen Leistungen der deutschen Arbeiterbewegung - kaum Platz. Die Ursachen dafür möchte ich gerne noch einmal ins Bewußtsein rücken.
      Die vor allem in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts immer stärker werdende Magyarisierungspolitik hatte ein zum Teil auch auf wirtschaftliche UrSachen zurückgehendes Aufgehen des städtischen deutschen Bürgertums im Ungarn-tum zur Folge. Die deutsche Hochsprache wurde zunehmend durch die ungarische Sprache ersetzt, ein Phänomen, das von C. J. Hutterer als 'kollektive Bewußtseinsspaltung" der deutschen Minderheit in Ungarn bezeichnet wurde.
      Der 1924 gegründete Ungarländisch-Deutsche Volksbildungsverein unter Jakob Bleyer setzte deshalb vor allem auf das 'gesunde" Bauerntum, das allerdings seine Töchter und Söhne durch den sozialen Aufstieg immer wieder an das Magyarentum verlor. Die starke Magyarisierung hatte bei den Ungarndeutschen zur Folge, daß/ene Richtung immer stärker wurde, die eine Verwirklichung ihrer Minderheitenrechte nur mit Hilfe von Hitler-Deutschland für möglich hielt. Die Volksgruppe wurde aber auf diese Weise zu einem Spielball der Interessen der beidenVerbündeten Hitler-Deutschland und Horthy-Ungarn, und sie wurde nach dem ZweitenWeltkrieg für Verbrechen, die in deutschem Namen begangen wurden, zum Sündenbock gemacht.
      Mit der Vertreibung der Hälfte der Ungarndeutschen verlor die Volksgruppe ihre gesamte Intelligenz. Schwerwiegende Folgen für die heutige Situation hatte die Tatsache, daß jene ausgesiedelt wurden, die sich bei der Volkszählung 1941 zur deutschen Nationalität oder zur deutschen Muttersprache bekannten bzw. ihren bereits magyarisierten Namen zurückverdeutschen ließen. Erst an weiterer Stelle wurde als Vertreibungsgrund die Mitgliedschaft im Volksbund der Deutschen in Ungarn oder in bewaffneten deutschen Organisationen genannt.
      Kein Wunder also, wenn 1980 bei der Volkszählung nur 31000 Personen Deutsch als Muttersprache angegeben hatten. Hierbei spielt die bis heute fortlebende Auffassung eine wesentliche Rolle, daß auch die Minderheiten Mitglieder der ungarischen Staatsnation seien, bloß eben eine andere Sprache sprächen. Eine klare Trennung zwischen Staatsangehörigkeit, Nationalität und Muttersprache hat bis heute keinen Eingang ins öffentliche Bewußtsein gefunden.
      Wie es um die Volksgruppe bestellt war, wird ersichtlich, wenn man vor Augen führt, daß in der Redaktion der 1954 erschienenen Zeitschrift 'Freies Leben" kein ungarndeutscher Redakteur tätig war, daß der Sekretär des 1955 gegründeten Kulturverbandes der Deutschen Werktätigen in Ungarn aus Siebenbürgen stammte, daß der erste Redakteur der 1956 gestarteten deutschsprachigen Rundfunksendung in Fünfkirchen überhaupt nicht deutsch konnte oder daß die 1957 gegründete Wochenzeitung der Ungarndeutschen 'Neue Zeitung" zwischen 1965 und 1979 einen Chefredakteur hatte, der zwar einen deutschen Namen trug, aber kaum deutsch konnte.
      In der scheinbar liberalen Minderheitenpolitik Ungarns waren politische Versuche, eine tatsächliche Interessenvertretung der Ungarndeutschen zu schaffen, zum Scheitern verurteilt. Dennoch gab es seit dem Ende der sechziger Jahre, der Zeit der einige Jahre später ins Stocken geratenen Wirtschaftsreform, Freiräume für die sich trotz des unzureichenden 'muttersprachlichen Unterrichts" herausbildende ungarndeutsche Intelligenz. So wurden bildende Künstler in die kulturelleTätigkeit des Verbandes der Ungarndeutschen einbezogen, wissenschaftliche Forschungen - vor allem im Bereich der Volkskunde und Mundarten - betrieben, so konnte sich eine bescheidene Literatur entfalten. Vor diesem Hintergrund gesehen, kann die bisherige Literaturproduktion beachtlich genannt werden. Der Großteil der Texte bleibt auf dem Niveau der Heimatdichtung, aber auch das immer wiederkehrende Besingen der Muttersprache, die ständige Beteuerung der Loyalität zum Vaterland, der Aufruf zum Mitmachen trugen zu einem allmählichen Erwachen der Volksgruppe, zu ihrer Bewußtseinsformung bei. Vor allem die in letzter Zeit zu beobachtende literarische Auseinandersetzung mit der Zeit während und nach dem ZweitenWeltkrieg durch Autoren wie Ludwig Fischer oder Josef Mikonya und - eher dokumentarisch - durch Franz Sziebert zieht doch gewisse Kreise in einer zwar zahlenmäßig noch sehr kleinen, aber doch immer größer werdenden ungarndeutschen Ã-ffentlichkeit.

     
   Hervorzuheben ist das literarische Werk von Erika Ã"ts, die aus einer bürgerlichen Familie stammt und sich nicht nur als Herausgeberin der ersten ungarndeutschen Anthologie verdient gemacht, sondern auch als Dichterin Maßstäbe gesetzt hat. Ihr Band Gefesselt ans Pfauenrad und ihre lyrische Erzählung Die Linde sind wohl die bisher wertvollsten Leistungen der ungarndeutschen Literatur.
      Für das Selbstverständnis der Ungarndeutschen von Bedeutung waren und sindVer-suche, sich auch in der Mundart auszudrücken, mitzuteilen. Der 1989 von mir herausgegebene Band Tie Sproch wiedergfune ist das Dokument dieser Bemühungen, den in Ungarn als 'verdorbenes Deutsch" verschmähten Mundarten ihren Stellenwert zurückzugeben.
      Von Anbeginn war die 1972 gegründete Literarische Sektion beim Verband der Ungarndeutschen an einem grenzüberschreitenden Dialog, an Erfahrungsaustausch interessiert, darauf dringend angewiesen. Hierbei spielten die DDR-Lektoren eine durchaus positive Rolle, auch wenn zu großes Engagement seitens der DDR-Behörden mißtrauisch beobachtet wurde. Nachdem beispielsweise der jahrelang in Fünfkirchen tätige DDR-Lektor Oskar Metzler sein Buch Gespräche mit ungarndeutschen Schriftstellern vorlegte, wurde seinem Nachfolger am Fünfkirchner Lehrstuhl einfach verboten, mit ungarndeutschen Autoren Kontakte aufzunehmen. Auf der anderen Seite waren die vom DDR-Lektor Jochen Haufe bei den jährlichen Werkstattgesprächen der Literarischen Sektion vorgenommenenTextanalysen vor allem für die jüngeren Autoren von großem Nutzen.
      Bei diesen Werkstattgesprächen spielten übrigens auch die Erfahrungen und Erkenntnisse der deutschen Minderheitenliteraturen, besonders der rumäniendeutschen Literatur, eine wesentliche Rolle. Deshalb war es nach dem Umsturz in Rumänien unser wichtigstes Vorhaben, eine internationale Konferenz unter Einbeziehung von Schriftstellern aus Rumänien und Literaturwissenschaftlern aus beiden deutschen Staaten einzuberufen. Bei dieser Konferenz im Juni 1990 in Petschwar konnte auch die unabhängige Schriftstellerorganisation, der Verband Ungarndeutscher Autoren, gegründet werden.

      Dieser Verband will
- das deutschsprachige Schrifttum, die literarischen Traditionen im Karpatenbecken dokumentieren und der Ã-ffentlichkeit bekanntmachen;
- die literarische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Ungarndeutschen fördern;
- die Zusammenarbeit mit Autorenvereinigungen und Schriftstellerorganisationen in den deutschsprachigen Ländern pflegen;
- einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit Schriftstellerorganisationen und Schriftstellern der deutschen Minderheiten führen.

     
   In diesem Sinne wurde unser Verband Mitglied im Bundesverband Deutscher Autoren, einer Vereinigung deutschsprachiger Schriftstellerorganisationen aus Deutschland, Ã-sterreich, der Schweiz und Israel. An der Hauptversammlung dieses Bundesverbandes im Oktober 1990 in Berlin nahmen erstmals auch Vertreter der rumänien-, Sowjet- und ungarndeutschen Literatur teil. Der Sitz in Berlin würde den Bundesverband Deutscher Autoren geradezu prädestinieren, den geistigen Austausch zwischen West und Ost, Ost und West zu pflegen, der vor allem für jüngere Autoren aus unserem Raum lebensnotwendig ist.
      Die Gründung einer unabhängigen ungarndeutschen Schriftstellerorganisation war wegen der demokratischen Umwälzungen in Ungarn notwendig. Dadurch kann die Position der ungarndeutschen Literatur innerhalb des Landes, ihr Verhältnis zur ungarischen Literatur überdacht und neu formuliert werden. Die Tatsachen, daß ein kleines Bändchen ausgewählterTexte in ungarischer Ãobersetzung erschien oder daß im Juli 1990 im Burgtheater von Jula die ungarländischen Minderheitenliteraturen in ungarischer Sprache vorgestellt wurden, deuten darauf hin, daß die ungarndeutsche Literatur langsam auch daheim entdeckt wird.
      Für die Standortbestimmung ist es freilich unerläßlich zu wissen, wie die ungarndeutsche Literatur in den deutschsprachigen Ländern gesehen wird. In der Bundesrepublik Deutschland sollen zwei Anthologien erscheinen. Die Rheinisch-Westfälische Auslandsgesellschaft Dortmund gibt die Anthologie Bekenntnisse eines Birkenbaumes heraus und in der Reihe 'Auslandsdeutsche Literatur der Gegenwart" des Olms-Verlages soll das in Ungarn bereits erschienene Bändchen Das Zweiglein verlegt werden, das junge Autoren vorstellt, die alle nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Wenn man bedenkt, welche Hoffnungslosigkeit vor zehn Jahren in be-zug auf literarischen Nachwuchs herrschte, so ist dieses Buch ein Hoffnungsschimmer für die zukünftige Arbeit. Die beiden Bände werden sicherlich dazu beitragen, die Werte einer bescheidenen, für die ungarndeutsche Gemeinschaft jedoch äußerst wichtige Literatur dem deutschen Leser näherzubringen.
      Die bereits erwähnte Konferenz Die ungarndeutsche Literatur und ihr internationales Umfeld soll bei Sicherung der zur Zeit nicht besonders rosigen finanziellen Möglichkeiten - regelmäßig, unter Beteiligung von Vertretern jeweils anderer deutscher Minderheitenliteraturen durchgeführt werden.
      Neben der weiteren Herausgabe ungarndeutscher Literaturtexte scheinen mir zwei Vorhaben besonders wichtig zu sein:
- eine Dokumentation der bisherigen Produktion und Rezeption der ungarndeutschen Literatur seit 1972 .

     
   - eine Edition, in der ungarndeutsche Literaten vom Mittelalter herwärts mitTexten und begleitenden Studien vorgestellt werden.
      Daß beide Publikationen für die literarisch interessierte Ã-ffentlichkeit, für die Weiterentwicklung der ungarndeutschen Autoren und auch für die Forschung von Nutzen wären, brauche ich hier sicher nicht zu betonen. Eine grenzübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des Südostdeutschen Kulturwerkes würde eine baldige Realisierung dieser Vorhaben ermöglichen und einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der kulturellen Identität der deutschen Minderheit in Ungarn leisten. Und dadurch wird vielleicht auch der ungarndeutsche Gärtner seine Traurigkeit überwinden.
     

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