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Zur Problematik von Gattungsbegriffen



Gattungs- und Epochenbegriffe sind der Literaturwissenschaft unverzichtbar: nur mit diesen Instrumenten kann sie ihr riesiges historisches Material gliedern und ordnen. Dabei ist eine präzise und einheitliche Verwendung der Begriffe ein Gebot der Wissenschaftlichkeit, ja schon Voraussetzung einer von Äquivokatio-nen und fruchtlosen Wortstreitigkeiten unbelasteten Verständigung.

      Die Erfüllung dieser selbstverständlich klingenden Forderung nach Eindeutigkeit der Begriffe erweist sich indessen in der Literaturwissenschaft bisweilen als schwierig. Nicht immer nämlich liegen die Dinge so einfach und klar wie bei der lyrischen Gattung des Sonetts. Dort braucht man bekanntlich nur die Zahl der Verszeilen und das Reimschema zu prüfen, um die Gattungszugehörigkeit eines Gedichts zu klären. In vielen anderen Fällen jedoch, bei der Tragikomödie, beim Bürgerlichen Trauerspiel, beim pikaresken Roman zum Beispiel, erweisen sich die Gattungsdefinitionen als höchst komplex und umstritten.
      Der prekäre und offene Charakter der Gattungsbegriffe hängt mit der Art ihrer Gewinnung zusammen. Denn offensichtlich lassen sie sich nur durch vergleichende Betrachtung aus einem Korpus literarischer Texte entwickeln. Man muß nun allerdings schon vor allem Vergleichen eine Vorstellung von der Gattung haben, um aus dem Meer des überlieferten Textmaterials solche Werke herausgreifen zu können, die sinnvollerweise auf Gattungsgemeinsamkeiten hin geprüft werden können. Vor dem Forum der strengen Logik muß eine solche zirkuläre Begründung der Begriffe verdächtig erscheinen. Ein hermeneutischer Denkprozeß kann jedoch nicht anders verlaufen, da er immer ein bestimmtes Vorverständnis voraussetzen muß, um überhaupt in Gang zu kommen. Dafür muß in Kauf genommen werden, daß die Resultate solcher Überlegungen nicht mit dem zwingenden Anspruch auf Zustimmung zu demonstrieren sind.
      Eine grundsätzliche Schwierigkeit bei der Verwendung von literarischen Gattungsbegriffen ergibt sich daraus, daß die ihnen subsumierten Gegenstände höchst komplexe, individuelle Gebilde sind. Es kann da leicht der Anschein entstehen, als beschnitte man die einzelnen Werke gerade um ihre wesentlichen Qualitäten, wenn man sie mit abstrakten Definitionen zu erfassen und mit anderen Werken in eine Kategorie zu bringen sucht. Zweifel dieser Art können leicht zu einer Ablehnung aller Gattungsbegriffe überhaupt führen. Gäbe man diesem Zweifel nach, dann schlüge man sich allerdings ein kaum entbehrliches Instrument aus der Hand.
      Offenbar müssen die literarischen Gattungsbegriffe eine gewisse Flexibilität und Offenheit behalten, damit sie die ihnen zugedachten Funktionen erfüllen können. Eine allzu enge und strenge Definition würde es unmöglich machen, Werke verschiedener Autoren und Epochen unter dem Gattungsbegriff zusammenzufassen. Vielmehr würde ein so strikt umschriebenes Genre nur aus einem bestimmten, durch die Definition kanonisierten Muster und aus dessen epigonalen Nachahmungen bestehen können. Nur ein relativ offener und nicht zu detaillierter Gattungsbegriff läßt sich so auf einzelne Texte anwenden, daß deren Besonderheit und historische Lokalfarbe nicht hinter einem rigiden Schema verschwinden.
      Ordnet man ein bestimmtes Werk, etwa Gottfried Kellers Grünen Heinrich, der Gattung des Bildungsromans zu, so macht man damit einen Interpretationsvorschlag: Der verstehenden Annäherung an das Werk wird ein in bestimmter Weise geordneter Komplex von inhaltlichen und formalen Merkmalen als ein flexibles Modell, als ein der Konkretisierung bedürftiges Deutungsmuster vorgegeben. Die Durchführung der Interpretation muß dann zeigen, ob sich die durch den Gattungsbegriff suggerierte Sicht am Text bestätigen läßt, wobei sich ergeben kann, daß neben ihr noch andere Strukturen und Themen eine Rolle spielen oder daß sich das ursprüngliche Gattungskonzept durch das analysierte Werk erweitert.
      Im Fall des Bildungsromans sind die Probleme der Gattungsdefinition offenbar besonders heikel. Der Begriff ist durch ideologische Ansprüche belastet, etwa durch die gelegentlich vorgebrachte Behauptung, in diesem literarischen Genre zeige sich das deutsche Wesen mit besonderem Nachdruck. Unklarheiten ergeben sich auch aus dem vieldeutigen Bestimmungswort ,Bildung'. Bisweilen hat man die Forderung erhoben, man solle nur dort von Bildungsromanen sprechen, wo sich im Text die Bildungsvorstellung der Goethezeit als konstitutive Kategorie nachweisen läßt. In einer solchen Überlegung deutet sich die Schwierigkeit an, die Reichweite des Gattungsbegriffs festzulegen. Zu fragen wäre, ob man von vornherein die Möglichkeit ausschließen soll, auch Romane des 20. Jahrhunderts und Werke fremder Nationalliteraturen der Gattung zuzurechnen.
      In diesem Zusammenhang gilt allgemein, daß sich bei einer definitorischen Einschränkung des Begriffs dessen Genauigkeit und Trennschärfe erhöhen. Das heißt: Es läßt sich eine größere Zahl von gattungskonstituierenden Merkmalen angeben, und die Zuordnung einzelner Texte zur Gattung ist mit größerer Eindeutigkeit möglich. Dafür ist der Preis zu zahlen, daß der Begriff seine Fähigkeit einbüßt, einen weiträumigen literaturgeschichtlichen Zusammenhang unter einem bestimmten Aspekt zu erfassen. Umgekehrt kann ein weit definierter Gattungsbegriff Werke mehrerer Epochen und unterschiedlicher Ausprägung umgreifen. Aber er kann dabei seine präzisen Konturen einbüßen, allzu Heterogenes in ein und dieselbe Kategorie zwingen und damit an spezifischem Aussagewert verlieren.
      Am fruchtbarsten dürfte daher ein Gattungsverständnis sein, das sich auf einige historisch nicht zu sehr spezifizierte, aber unterscheidungskräftige Merkmale stützt und einen möglichst weiten Bereich erschließt. Für den Bildungsroman hieße das, daß die Gattungsbestimmung Wieland und Goethe, aber auch Romane des 19. und 20. Jahrhunderts umfassen sollte. Ein solcher Ansatz trägt dem Umstand Rechnung, daß die Romanciers selber, die der Romantik, die Realisten des 19. Jahrhunderts, Thomas Mann und Robert Musil, ja ein Autor wie Peter Handke noch, sich immer wieder auf einen vom Goetheschen Wilhelm Meister ausgehenden Traditionszusammenhang bezogen haben. Auch die Literaturhistoriker haben betont, daß Goethes Buch als das einflußreichste Paradigma in der deutschen Romangeschichte gelten müsse. Es scheint daher sinnvoll, die Definition der Gattung ,Bildungsroman' so anzulegen, daß sie jenen Strang der deutschen Literaturentwicklung erfaßt, in dem der Wilhelm Meister als Muster gewirkt hat, wobei allerdings die Definition so offen bleiben muß, daß sie die beträchtlichen historischen Modifikationen dieses Romantyps in sich aufnehmen kann.
      Diese Überlegungen sollen zur Rechtfertigung des hier vorgeschlagenen liberalen Gattungsbegriffs dienen. Sicherlich können andere literaturgeschichtliche oder gattungssystematische Absichten auch ein abweichendes Gattungsverständnis sinnvoll erscheinen lassen. Eine Abwägung unterschiedlich ansetzender Gattungsdefinitionen gegeneinander ist wohl nur unter dem Gesichtspunkt der Praktikabilität möglich. Zu fragen wäre: Welches Verständnis der Gattung erschließt den historischen Stoff besser, welches macht umfassendere Zusammenhänge sichtbar, welches trägt mehr zur Erhellung der einzelnen Werke bei?

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